Der Kamerad

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1861-01-01 - 1861-01-01

Mit dem Tode schloß ich Kameradschaft.

Über einem vollen Humpen saßen

Oft wir nächtens und philosophierten.

Auch zusammen gingen wir spazieren,

Lauschten mit elegischen Gefühlen

Nach dem Pilgerruf der Abendglocke.

Aber männlich auch an meiner Seite

Stand der Kamerad und sekundierte,

Oder wann ich im Gebirg verirrt war,

Hangend über schwindelnd tiefem Abgrund,

Sprach er: „Blick mir in das Auge ruhig!“

Und ich tat es und ich war gerettet.

Lange standen wir auf gutem Fuße,

Bis mich volles Leben überströmte

Glühend warm mit unbekannter Fülle,

Und mir schauderte vor meinem Freunde...

Als das Liebchen heute mir am Hals hing,

Über seine Schulter weg erblickt ich

Meines Kameraden leichten Umriß

Auf dem Abendhimmel und er grollte:

„Bin ich dir verleidet? Deine feigen

Lippen meiden meinen schlichten Namen?

Ist das hübsch von einem Kameraden?“

In demselben Augenblick umarmte

Liebchen mich und rief: „So möcht ich sterben!

Komme, Tod, und raub mich, Tod, im Kusse!“

Und der Tod, von schwellend jungen Lippen

Heiß und leidenschaftlich angerufen,

Hörte seinen Namen mit Vergnügen.

Über sein geheimnisvolles Antlitz

Glitt ein Leuchten und er schied in Minne.