Der Kinder Kreuzfahrt

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Sie gingen, Gottes Reich zu erben,

Die zarten Herzen riß der Wahn

In Elend hin und in Verderben,

Die Wallfahrt ging mit Kreuz und Fahn'.

Sie hofften, wie der Ernte Halmen

Der Heiden Köpfe abzumähn,

Und glaubten schon mit Siegespalmen

Den Himmel aufgetan zu sehn.

Wer aber bald im Sturm und Regen,

Wer mochte der Erkrankten pflegen?

Ach, statt des Himmels Armen streckte

Die Heide sich, die Öde aus,

Der Hunger kam, und Gram bedeckte

Den Blick, voll Sehnsuchtweh nach Haus.

Nicht der, den einst Tobias grüßte,

Nahm ihrer letzten Stunde wahr;

Der Engel Hagar's in der Wüste

Erschien vor der bedrängten Schar.

Er sah sie 's Kreuz gen Himmel halten,

Und ihre schwachen Stimmlein schallten.

„Die Drossel singt am frühen Morgen,

Die Nachtigall in später Nacht,

An unserm leeren Bett voll Sorgen

Die Mutter unter Tränen wacht;

O daß sie Gott verwandeln wollte

Die Tränen all' in einen Tau,

Der unsre Lippen netzen sollte,

Von Durst und Glut verdorrt und rauh!

O quöll' uns euer Gruß und Segen

Vom Himmel als ein milder Regen!

Die Erde brennt, wohin wir schauen,

Die Sonne glüht im Untergehn.

Ihr Eltern, bald in Edens Auen

Sollt ihr uns alle wiedersehn!

Lebt wohl, ihr Eltern, wir verschmachten,

Doch wird befrei'n des Retters Schwert

Das heil'ge Grab in Blitz und Schlachten,

O Hoffnung, noch im Sterben wert!

Schon sind wir reisemüden Sterne

Von unsrer Heimat nicht mehr ferne.“