Der Korn-Boden.
Indem ich neulich, mit Vergnügen, auf dem Getrayde-
Boden stand,
Und ihn, ob gleich derselbige von einer ungemeinen Länge,
Dennoch von Rocken, Weizen, Gersten und Habern in
recht schwehrer Menge,
Theils selbst gebaut, und theils zum Zehnden geliefert,
angefüllet fand;
Verehrt’ ich, meinen Pflichten nach, zuerst den Geber
dieser Gabe,
Von Dem ich dieses, wie wir alles, als ein Geschenk em-
pfangen habe,
Bewunderte die Zeugungs-Kraft, die GOtt dem Saamen
eingesenket,
Bewunderte die Kraft der Erde, den Sonnen-Schein,
Luft, Regen, Wind,
Derselben ordentlichen Wechsel, die alle dazu nöhtig sind;
Jmgleichen, daß auch uns dazu so viel Verstand und Kraft
geschenket,
So Saat, als Acker zu besorgen, der Saat Kraft, unser
Fleisch zu nähren,
Und überdem, zu unserm Nutzen, so Segen-reich sich zu
vermehren.
Nachhero fiel mir, da mein Blick noch einst den Haufen
überlief,
Die baldige Veränderung, der es wird unterworfen seyn,
Und die so sonderlich, als nützlich, von dieser Menge Korn,
mir ein.
Daher ich, dieser Ordnung Weisheit erwegend, bey mir
selber rief:
Welch ein Bewunderns-wehrter Cirkel! Was, nach so
emsigem Bemühen,
Der Landmann in dem Stand gewesen, dem Schooß der
Erden zu entziehen,
Was hier nunmehr zu Hauf geliefert, und, wohl bedeckt,
in Ruhe liegt,
Wird bald von neuem aufgemessen, zum Müller und zum
Becker kommen,
Und wenn es vieler tausend Münde, zum Nutzen und zur
Lust, gefüllet,
Und theils im Magen uns den Hunger, theils auch, im
Bier, den Durst gestillet,
Da sie, statt abgegangner Theilchen, an neuen Theilchen
zugenommen;
Wird alles wiederum getrennt, vermischt, und größten-
theils der Erden,
Zur abermahligen Bereitung von neuem einverleibet wer-
den,
Um, nach der wunderbaren Ordnung, in allen uns bekann-
ten Dingen,
In seinem unverrückten Wechsel, den grossen Kreis-Lauf
zu vollbringen.
Ich dachte den Partikeln nach, aus welchen Fleisch und
Blut formiert,
Ob etwan etwas Geistiges damit verbunden, welches nur
Allein in Fleisch sich zu verkehren, und, nach den Regeln
der Natur,
Das Thier-Reich zu ernähren tüchtig. Aufs wenigste wird
man sie können,
Wofern nicht wirklich Geistigkeiten, doch ganz besondre
Kräfte nennen,
Wovon wir uns zwar vielerley von neuem vorzustellen
taugen;
Jedoch, wenn wir die Wahrheit sagen, sind sie nicht
minder unsern Augen,
So wohl, als wie vorher, verborgen. Denn, wenn wir
auch dieselben gleich
In fein’ und gröbere zertheilen, die gröbere dem Pflanzen-
Reich,
Die feinere dem Reich der Thiere bloß zuzueignen uns
bemühn;
So wird man doch aus aller Theilung bey weiten nicht
den Nutzen ziehn,
Als wie wohl die Gelehrten meynen, weil eben eine solche
Kraft
Uns keine größre Wahrheit zeiget, als die verborgne Ei-
genschaft,
Die man am Stagyrit verlacht. Doch kommt von allen
diesen mir
Der Wahrheit am gemässesten und am begreiflichsten noch
für,
Daß im Getrayde solche Theile, die gleichsam einerley
Figur
Mit unsers Blutes Theilen haben, und etwan einerley
Natur
Und Harmonie mit ihnen hegen, wodurch sie Zung’ und
Mund behäglich
Und angenehm im Schmecken sind; dem Magen eben-
falls erträglich
Nicht minder unsern innern Theilen, als Adern, Nerven,
Drüsen, Blut,
Womit, der Theile Gleichheit halber, vermuhtlich sich zu-
sammen thut,
Vereint, und das, was fehlt, ersetzet. Ich dachte ferner,
da der Mist
Zur Düngung und zum Wachsthum selber fast unent-
behrlich nöhtig ist,
Und dieser aus dem Thier-Reich stammt, ob dieß uns nicht
vor Augen leget,
Daß ja fast gar auf welche Weise, das Korn so gleiche Theile
heget
Mit unsern und der Thiere Cörpern. Mir fiel nachher noch
ferner bey,
Wie sehr des grossen Schöpfers Weisheit hierinn noch zu
bewundern sey,
Daß, da das Vieh sich selbst zu helfen und sich zu nähren
nicht geschickt,
Sich ihre Nahrung, Gras und Kraut, von selbst fast aus
der Erden drückt;
Da wir hingegen unsre Kost, durch Fleiß und Arbeit,
finden können:
So hat Er uns dazu so vieles, die künstliche gelenke
Hand,
Holz, Eisen, Seile, Pferd’ und Ochsen, zumahl den sinnenden
Verstand,
Zu unserer Beschäftigung, und andrer Absicht wollen gön-
nen.
Denn scheinet gleich, beym ersten Anblick, die Arbeit müh-
sam, saur und schwehr
Ist dieß doch lange nicht so schlimm, als wenn die Mensch-
heit müßig wär;
Indem, wenn hier auf dieser Welt der Mensch von keine
Arbeit wüßte,
Ein allgemeiner Müßiggang das Leben wirklich meh
verdrießlich,
Zum Bande der Geselligkeit viel minder nützlich und er-
sprießlich,
Und kurz: den Zustand unsrer Welt gewiß viel schlimmer
machen müßte.
Von der Bewegung, der Gewohnheit, wodurch sie ihre
Müh' ertragen,
Und der Bewunderns-wehrten Ordnung, worinn sie stehn,
nicht einst zu sagen,
So daß man von der Arbeit selber kann eine klare Probe
geben,
Sie sey so nöhtig und so nütze, als unser Brod, ja selbst
das Leben.
Es scheint, der Schöpfer habe hier die Faulheit, die
uns wirklich plaget,
In diesem grossen Werk, dem Land-Bau, durch die Noht-
wendigkeit verjaget.
Und ob gleich Er nur bloß allein das, was wir säen, lä
gedeyn;
So scheint, Er wolle Seinen Segen im Schatten unsrer
Müh' verstecken,
Und lieber durch der Menschen Arbeit die wahre Segens-
Quell' bedecken,
Als uns die Fülle Seiner Güter unmittelbar, wie sonst,
zu schenken,
Daß wir uns nur in den Morast des Müßiggangs nicht
mögten senken;
Indem, durch Arbeit und Bewegung, zugleich von Krank-
heit und Beschwehrden,
Nebst vielen sonst gewissen Lastern, wir wunderbar befreyet
werden.
Ich sehe ferner auch den Segen, den man Jhm nie verdan-
ken kann,
Daß, durch den Kreis von dem Entstehn und dem Vergehen,
unsre Erde,
Vermittelst Sonne, Luft und Regen, an Kräften nie er-
schöpfet werde,
Als ein von einer weisen Allmacht so eingerichtet Wunder
an.
Wenn wir demnach als Menschen lebten, und recht als
wahre Menschen dächten;
So würden wir ein wenig mehr, als wie das Vieh, die
Wunder-Weise,
Wie eigentlich das Korn geräht, dem Schöpfer der Natur
zum Preise,
Betrachten, Seine weise Huld bewundern; ja ich weiß, wir
brächten
Jhm die gerührten Seelen selbst zum Opfer, nebst dem
ernsten Willen,
Was Jhm mißfällig nicht zu thun, was Jhm gefällig
zu erfüllen.