Der Lehrreiche Kirchhoff.

By Johann Justus Ebeling

Jhr Menschen! die ein toller Wahn

Der falschen Einbildung betrogen,

Als wenn kein Todt euch treffen kan,

Da ihr in Eitelkeit erzogen,

Kommt seht und lernet was ihr seid,

Nach einer kurzen Daur der Zeit,

Da euch die kalte Hand gerühret,

Zu diesen Sammelplaz geführet.

Kommt her an diesen stillen Ort,

Verbannet nur das bange Grauen;

Jhr werdet nichts als hier und dort

Nur aufgeworffne Hügel schauen;

Das Schrekgespenste stiller Nacht,

Das euch den Kirchhof gräulich macht,

Wird bei den wollgefaßten Sinnen,

Gleich als ein leerer Dunst zerrinnen.

Hier ist ein Tempel kommt herein,

Darinnen ihr das könnet lernen

Daß Menschen dennoch sterblich seyn,

Ob sie sich gleich vom Todt entsernen;

Die Zahl die hier begraben liegt,

Und ihren lezten Feind besiegt,

Die lehret euch mit stummen Munde,

Es komm auch eure lezte Stunde.

Was ist der Vorwurf des Gesichts?

Beschriebne Steine, hohe Hügel;

Und diese sind von euren Nichts

Von euren Eitelkeiten Spiegel;

Blikt nur dieselben fleißig an,

Weil draus ein jeder lesen kan,

Was wir so schwerlich sonsten fassen,

Daß all ohn Unterscheid erblassen.

Leßt was auf denen Steinen steht: Mein Wandrer steh um zu bedenken,

Wie bald auch deine Zeit vergeht,

Da man auch dich wird hie versenken.

Wir haben auch gelebt, geblüht,

Uns in der Eitelkeit bemüht,

Nun aber sind wir durch die Bogen

Ins Land der Todten heimgezogen.

Hier seht ihr Hügel, gros und klein,

Das sind die aufgeworffnen Zeichen,

Daß die die hier begraben seyn,

Theils grosse, theils auch kleine Leichen:

Sie lehren euch daß alt und iung,

Daß Säuglinge auch reif genug,

Wenn sie kaum in der Welt aufblühen.

Jm Tode wieder weg zufliehen.

Wie mancher ist hier hingelegt,

Der sich sein Ziel noch weit gesezzet,

Wenn er den Lebenslauf erwegt,

Den er vor sich sehr lang geschäzzet;

Wie viele sind des Todes-Raub

Und nunmehr Knochen, Moder, Staub

Die damahls als sie noch vorhanden,

Kaum daß sie sterblich eingestanden.

Jhr Zeugen unsrer Eitelkeit!

O! liesset ihr uns deutlich lesen,

Was ihr in eurer Lebens-Zeit,

Gedacht, in euren Sinn gewesen;

Und machte eures Herzensgrund,

Das aufgestellte Denkmal kund;

So würden wir dadurch belehret,

Wie mancher Anschlag sey zerstöhret.

Da ruht der Schönheit Ebenbild,

Wie uns des Grabes-Stein berichtet,

Von Lust und Hofnung angefüllt:

Allein wie ist sie nun zernichtet?

Der Purpurwangen Morgenroth,

Ist längst durch einen blassen Todt,

Entfärbt und in die Haut verkehret,

Die scheußlich Ungezieffer nähret.

Da hat der Todt den weggeraubt,

Wie uns die Ueberschrifften melden,

Der als er lebte fest geglaubt,

Er wär ein Held vor allen Helden;

Sein Körper wäre von Metal;

Und dennoch hat ein Sturz und Fall,

Bei seines Stolzes wilden Pochen

Jhm Hals und Bein entzwei gebrochen.

Dort ist die festvermaurte Kluft,

Geziert mit einem Ehrenbogen,

Woraus die Fama thönend ruft:

Ein jeder sahe diesen Mann

Als einen GOtt auf Erden an:

Er glaubte immerfort zu leben,

Und muste doch den Geist aufgeben.

Hie ist ein Grab: wer liegt darin? Ein Mensch den sonst die Welt zu enge,

Und sich abmaß nach seinen Sinn,

Und nicht nach seiner Leibes Länge:

Er war nur blos ein Erden-Gast,

Sein Wohnhaus war wie ein Pallast,

Und doch zu klein: Nun muß er liegen,

Und sich mit engen Sarg begnügen.

O Eitelkeit! wer ruhet da? Ein Mensch der immer unzufrieden;

Wenn er in seinem Leben sah,

Daß GOtt dem andern mehr beschieden:

Die Unruh trieb ihm Tag und Nacht,

Der Gram hat ihn auch umgebracht;

Nun ist sein sehnend Herz gestillet,

Da er der Erden Bauch gefüllet.

Wer ist sein Nachbahr des Gebein,

Mit keinen Denkmal überdekket?

Was mag das vor ein Herze seyn,

Daß hier in diese Grufft verstekket?

Vermutlich ist es Gernegros,

Der ob er gleich sehr arm und blos,

Dennoch sich wünschte das Vergnügen

Bei einem reichen Mann zu liegen.

Denn der dabei sein Grabmahl hat,

Heist Crösus dessen ganzes Leben

Des Morgens früh, des Abends spat,

Ob er gleich reich mit Noth umgeben.

Er lebte immer kümmerlich,

Und sparte aber nicht vor sich

Er lebte arm bei dem Erwerben,

Nur als ein reicher Mann zu sterben.

Ein Thraso lieget dort im Ruh

Der keine Ruh und Frieden liebte,

Der Todt drükt ihm die Augen zu

Da er nichts als nur Rach ausübte.

Die Zanksucht liegt ihm an der Seit,

Seht Menschen hier die Eitelkeit,

Die sich wie Feur und Wasser mieden,

Vereinigt oft der Todt zum Frieden.

Was find ich da vor Ueberschrifft:

Sie heist:

Liegt einer den kein Moder trift,

O! Wunder! was sinds vor Gebeine

Woran kein Wurm noch Faülnis nagt?

Ich hatte kaum darnach gefragt;

So hört ich daß ein Mann von Gaben

An diesen Orte wär begraben.

Ein Mann von Fleis, von Kunst und Wiz,

Des Nahme nimmer wird ersterben,

Muß doch wo ihren Wohnungs Siz

Die Eitelkeit erwählt, verderben;

Die freien Künste sind nicht frei,

Es ist dem Tode einerlei,

Ob einer vieles überlesen,

Genug! wenn er ein Mensch gewesen.

Die Ehre, Würde, Stand und Ruhm,

Die Schönheit, Reichthum, Klugheit Tietel,

Der hohen Seelen Eigenthum:

Verachtung, Armut, Baurenkittel;

Die man im Leben, auf der Welt,

In unterschiednen Reihen stellt;

Die sind im Sterben gleich geachtet,

Wenn man des Todes Recht betrachtet.

Da ist ein Beinhaus! seht nur an,

Die dürren aufbewahrten Knochen,

Die durch der Zeiten scharffen Zahn,

Schon meist zermalmmet und zerbrochen,

Wer sagt uns welcher Herr und Knecht,

Jhr eitlen Menschen! komt und sprecht,

Und lehrt uns welcher Kopf und Schedel,

Nunmehr vor andern, herrlich, edel.

Der Todt hat alles gleich gemacht,

Und der der alle Welt bestürmet,

Wird welches er woll nicht gedacht,

Nebst andern Körpern aufgethürmet;

Der Vorzug ist nur Einbildung,

Dies lehret die Vernichtigung;

Weil sich im Todesreich die Schatten,

Mit ihren Körper nicht mehr gatten.

Da fliegt die Ehre gleich zurük,

Das Grab verdüstert alles Glänzen,

Und dessen Rand sezt Stand und Glük,

Und Vorzug, die gemeßnen Grenzen;

Da wo des Todes Reich und Land,

Zerbricht die eitle Scheidewand,

Dadurch auf Erden so viel Orden,

Nach ihren Rang zertheilet worden.

Die Knochen die da aufbewahrt,

Die sind die Hülsen aller Stände,

Da sind was alt und jung verpaart;

Jhr Eitlen! lernt hier euer Ende;

Wenn euch der Stand hat aufgebläht,

So komt zum Kirchhoff und beseht,

Wie euer Ansehn von euch weichet.

So bald ihr kalt und todt erbleichet.

Bedenkt welch eine grosse Zahl

Auf diesen Sammelplaz gesäet;

Und wie der Rest dreinst überall,

Mit seinen Sarg und Grab verwehet;

Viel frische Gräber sind noch hier,

Vielleicht wird bald vor unsrer Thür,

Wenn wir noch sicher, eh wirs meinen,

Der Todt mit seiner Bahr erscheinen.

Was ist die Schönheit die uns schmükt,

Alsdenn nichts als verblichne Rosen,

Die wenn sie in der Blüt erblikt

Ein jeder wünschet liebzukosen,

Wie leicht verfleugt ein Rosenblatt,

Das keine lange Dauer hat?

So leicht vergehen auch die Schönen

Die sich mit Rosenschmuk bekrönen.

Wie viele sind in langer Zeit,

Als Rosen hier im Staub vergangen,

Ein gleiches Schiksahl wird gedräut

Den, die in ihrer Blüte prangen:

Bedenket dieses die ihr meint,

Daß euer Antliz herlich scheint;

Wie leicht ist es nicht auch geschehen,

Daß ihr hier müst erblaßt verwehen.

Drum lernet eure Eitelkeit,

Auf diesen Sammelplaz erkennen;

Der Raum ist kaum ein Spannebreit,

Die Todt und Leben bei uns trennen;

Wie mannigfaltig ist die Noth,

Die uns mit der Verwesung droht;

Die uns auf denen Sterbgefilden,

Die Gräber vor die Augen bilden.

Seht was da sey die Leidenschaft

Die uns hat Lebenslang gequälet,

Wenn uns der Todt von hinnen raft

Wo bleibt das Ziel das wir erwählet?

O! möchte also jederman,

Der den Affect nicht zwingen kan,

Nur auf dem Kirchhof das an hören,

Was uns die stummen Todten lehren!

Sie machen mit verschlossnen Mund,

Das was ein jeder zu bedenken

An ihrer eignen Beispiel kund:

Daß Sterbliche sich nur versenken

In eine eitle Kümernis,

Dieweil doch allemahl gewis

Daß wir nach denen eitlen Dingen,

Als Thoren nicht als Kluge ringen.

Sie zeigen uns was sie gethan,

Aus eingebildeten Vergnügen;

Und wie die Menschen auf der Bahn

Des Lebens, oft nach Schatten fliegen,

Was nüzt den Reichen Gut und Geld?

Was nüzt es den erstorbnen Held

Daß er so mörderlich gerungen,

Wenn ihn des Todes-Macht bezwungen?

Was hilft dem aller Zank und Streit,

Der auf dem GOttes-Akker lieget,

Wo ihm im Land der Sterbligkeit

Der Würmer Heer so gar besieget?

Was nüzt es wenn man durch die Macht,

Den andern hat zu Fall gebracht,

Der sich wenn Seel und Leib sich trennen

Nicht wieder Maden wehren können?

Was hilft uns alle eitle Lust?

Der Honig worin Stachel stekken,

Wie lange sind wir es bewust,

Was wir vor Süßigkeiten lekken;

So bald wir werden weggeraft,

Komt unsre Zeit zur Rechenschaft

Da wir die bittre Straf der Sünden,

In einer andern Welt empfinden.

Was hilft es daß wir uns der Welt

Und ihren Gözen übergeben?

Daß wir uns nur, was ihr gefällt

Zu thun mit saurer Müh bestreben?

Es ist doch alles Eitelkeit,

Und unser Ziel ist nicht mehr weit,

Da wir zu denen kommen müssen,

Die hier in Gräbern sich verschliessen.

Wir Menschen wühlen immerfort,

Und folgen unsern blinden Triebe,

Warum? wir meinen daß der Ort,

Stets unsre ewge Wohnung bliebe;

Wir kleben an dem Erdenklos,

Und denken nicht an jenes Schloß

Der Ewigkeit, bei diesen Ballen,

Darauf wir nur als Fremde wallen.

Der Torheit werden wir entfliehn,

Uns aller Eitelkeit entfernen,

Wenn wir bei Gräbern uns bemühn

Daß wir auch sterblich, zu erlernen:

O! woll dem! der das Leichen-Feld

Vor seine beste Lehrschul hält,

Den Tand der Welt als Nichts verfluchet,

Und Klugheit bei den Todten suchet.

Ach! GOtt! vertreib den dikken Dunst,

Damit die Welt uns nur betrieget,

Und gieb daß das sey meine Kunst

Zu sehen was in Gräbern lieget!

Da lerne ich, das was ich bin,

Das führt mich zur Betrachtung hin,

Jm Geiste auch voraus zu sehen,

Wie es mir nachmahls werde gehen.

Und rührt mich manches Schrekkenbild

Auf diesen fürchterlichen Auen;

So laß mich was vor Vortheil quillt;

Aus der Betrachtung, wieder schauen;

So wird das Schrekken der Natur,

Auf dieser Saamenreichen Flur,

Bei der Betrachtung stiller Leichen,

Durch die Bekandschaft endlich weichen.

Laß mich kein todt Gerippe scheun,

Es sind verdorrte Menschen Knochen,

Die durch den fürchterlichen Schein,

Woll manchen Vorsaz unterbrochen

Der auf das Böse abgezielt:

Und wird der Schauder gleich gefühlt;

So wird hernach des

Die Ruhekammer meiner Seele.

Laß mich bedenken daß der Todt,

Der Fürst des Schrekkens, einen Christen,

Nicht wie die blinden Heiden droht,

Mit seinen schwarzen Schaugerüsten:

Ich weis daß mein Erlöser lebt,

Der das was schrekhafft ihm anklebt,

In seinen Todeskampf verschlungen,

Da er uns ewgen Sieg errungen.