Der Lieblingsbaum

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1866-01-01 - 1866-01-01

Den ich pflanzte, junger Baum,

Dessen Wuchs mich freute,

Zähl ich deine Lenze, kaum

Sind es zwanzig heute.

Oft im Geist ergötzt es mich,

Über mir im Blauen,

Schlankes Astgebilde, dich

Mächtig auszubauen.

Lichtdurchwirkten Schatten nur

Legst du auf die Matten,

Eh du dunkel deckst die Flur,

Bin ich selbst ein Schatten.

Aber haschen soll mich nicht

Stygisches Gesinde,

Weichen werd ich aus dem Licht

Unter deine Rinde.

Frische Säfte rieseln laut,

Rieseln durch die Stille.

Um mich, in mir webt und baut

Ew'ger Lebenswille.

Halb bewußt und halb im Traum

Über mir im Lichten

Werd ich, mein geliebter Baum,

Dich zu Ende dichten.