Der Märchenwald

By Hermann Löns

Written 1890-01-01 - 1890-01-01

Mitten im Moor liegt der Märchenwald,

Vom Zauberbache begrenzt;

Lockender Zauberruf dort erschallt,

Distel und Dorn ihn umkränzt.

Mitten im Wald eine Wiese sprießt,

Ihr Gras ist weich und lang;

Unter der Wiese die Quelle fließt,

Die hat eigenen Klang.

Hinter der Quelle steht ein Baum,

Sein Silberlaub zittert im Wind;

Da sang mir ein Vogel den Wundertraum

Von dir und mir, mein Kind.

Unter dem Baume da wächst ein Moos,

Das schimmert und leuchtet wie Gold;

Farne wuchern da stolz und groß,

Ihr Laub ist seltsam gerollt.

Da wo die beiden Machangeln stehn,

Da führt der Weg in den Wald;

Nur wer das Wort kennt, der kann ihn gehn,

Ihm bieten die Dornen nicht Halt.

Komm, Geliebte, und küsse mich,

Komm, ich weiß ja das Wort;

Und das Wort, das heißt „Ich liebe dich!“

Das drängt jedes Hindernis fort.

Komm, mein Lieb, und fürchte dich nicht,

Komm doch, das Glück das lacht;

Zwei Machangeln, schwarz und dicht,

Halten treuliche Wacht.