Der Mensch .
Was ist doch woll der Mensch, wenn
er sich selbst beschaut?
Ein herrlich Meisterstük von
Macht erbaut
Aus einen Geist und Leib, ein leben-
des Gehäuse,
Das künstlichste Geschöpf im weiten Erden Kreise;
Die Seele wohnt im Leib und führt das Regiment,
Die macht daß er sich selbst und andre Dinge kennt,
Die macht daß er sich kan an seines Schöpfers Gaben
Die er ihm fürgesezt, mit allen Sinnen laben.
Beglükte Kreatur! du bist des Höchsten Bild,
Das er mit Weisheits Glanz und Heiligkeit erfüllt,
Das er zum Ober Herrn der ganzen Welt erwählet,
Und mit der Seligkeit des Ewigen vermählet.
Gefallnes Jammer Bild! wo ist die Herrligkeit,
Des edlen Unschuld Stands, der vormahls güldnen Zeit
Die ist schon längst dahin, denn bei der Schuld der
Sünden,
Die Leib und Geist verdirbt, ist sie nicht mehr zu
finden
Statt daß der Mensch vorhin des Höchsten Bildnis
war,
So stellt er ganz verstellt des Satans Larve dar;
Anstat der Weisheit Licht, das ihn vorhin gezieret,
Und auf den rechten Weg des wahren Glüks geführet
Ist der Verstand verwirrt, dem man ein Blend Licht
nennt,
Des flatterhafter Schein nunmehr so dunkel brennt,
Daß keiner dabei wird die Thür des Himmels sehen,
Vielweniger den Weg drauf wir zu solcher gehen.
Jhr Weisen der Vernunft komt her und sagt mir an,
Was hat der arme Mensch der so verderbt gethan?
Denn GOttes weise Hand die ihn zuerst gebildet,
Hat ihn so nimmermehr, wie er jetzt ist, geschildet;
Komt her und zeiget mir, daß eur Verstand ein Licht,
Der alle Finsternis mit seinen Strahl durchbricht,
Kann euer scharfer Witz den Ursprung von dem Bösen,
Das Rätzel aller Zeit ohn Wiederspruch auflösen?
Komt her und lehret mich, wie wirds nach dieser Zeit,
Mit einer andern Welt vollkomner Seligkeit,
Wornach die Sehnsucht doch der Seelen sich bestrebet,
Die durch geheimen Trieb sich immer mehr erhebet,
Denn dieser starke Zug der von dem Schöpfer stammt,
Ist auch von ewgen
Wie komt man an den Ort den unser Wille suchet
Da uns des Richters Spruch in unsern Busen fluchet
Hie bleibet ihr verstummt, und sagt ihr mir was vor,
So müst ihr selbst gestehn ein Weiser werd ein Thor,
Wenn er durch die Vernunft die Dinge will ergründen
Die kein geschärfter Witz vermögend zu erfinden.
Was ist also ein Mensch? Er ist ein Erdenklos,
Von einer Seite klein, von einer Seite gros
Er ist die Kreatur die GOttes Macht beseelet
Aus einen Geist und Leib vereinigt und vermählet,
Der sich aus eigner Schuld zum Elends-Stand ge-
bracht,
Da ihn des Schöpfers Gunst glükselig gnug gemacht
Indem er Freiheit wünscht, liebt er den Sclaven Orden
Denn gänzlich frei zu sein ist er ein Knecht geworden
Der untern Joche liegt, das er sich aufgelegt
Und mit verfluchter Lust bald gern bald ungern trägt
Wer ihn davon befreit und was das vor ein Wesen,
Das kan der wer da will, im besten Buche lesen.