Der neue Wald. Sacer est lucis vastisque recessibus horror.
Zur angenehmen Frühlings-Zeit,
Wo man Lust, Anmuht, Lieblichkeit,
Fast mit dem Gras und mit der Blüht,
An jedem Ort, entspriessen sieht,
Begab ich mich in einen kleinen Wald,
Der dick verwachsen, ungebraucht, und, wegen seiner Lage,
gar
Jm Lande keinem fast bekannt gewesen war,
Den ich, in andern Stand, und andere Gestalt,
Zu meinem und des Lands Ergetzen,
Jm Winter mich bemüht, zu setzen,
Und ihn, der bis daher nur bloß zum Aufenthalt
Den Füchsen, Dachsen, Schlangen,
Und niemand sonst, gedient, zu zieren angefangen.
Ich hatte durch so wild verworrne Hecken
(die nur zuvor ein stilles Schrecken,
Unaufgeklärte Nacht und ungestörtes Grauen
Bewohnet) nur bisher zween Wege lassen hauen,
Die in gerader Läng’, in ihrer Mitten,
Sich Regel-recht durchschnitten,
Wovon, in einem hell und klar,
Mein fernes Schloß der Aug-Punct war.
Die Ecken wurden ausgeründet,
Wodurch man, in des Waldes Mitte, itzt einen grossen Cir-
kel findet,
Mit Bänken ausgesetzt, daß jedermann
Sich setzen und vergnügen kann.
Ich hatte, von den ganz verwachsnen Sträuchen,
Die kaum davor zu sehnde jungen Eichen
Gesäubert, so, daß sie nunmehro luftig stunden;
Ich hatt’, an Fruchtbarkeit, den schönsten Boden funden.
Der Nemerosa holde Zier
Bedeckt ihn überall, brach überall herfür.
Ich freute mich, als ich, bald hie, bald da,
Das schönste Caprifolium,
Voll Bluhmen, in die Höhe steigen,
Um viele Zweige sich herum
Verwickeln, wieder abwerts neigen,
Und überall sich zeigen, sah;
Aus welchem ich denn alsofort,
Mit wenig Müh, an manchen Ort,
Weil ich sie fast von selbst dazu bereitet fand,
Verschiedne schöne Lauben machte,
Die, da ich sie, nach ihrem eignen Stand,
Nur hin und wieder etwas band,
In kurzer Zeit zu Stande brachte.
Wohin ich mich nur wandte; schien
Sich, was ich sahe, zu bemühn,
Und gleichsam alles zu bestreben,
An diesem neuen Lust-Revier,
Noch eine neue Zier,
Mit neuer Schönheit, abzugeben.
Wie nun noch erst im etwas späten Lenzen,
Aus dem so harten Holz der Eichen, allgemach,
Die röhtlich zarte Zier der jungen Blätter, brach,
Entstand im ganzen Wald ein buntes Glänzen,
Indem der Sonnen helles Licht
Hier nicht allein durch grüne Blätter bricht,
Nein, da fast jedes Blatt,
So lang’ es jung und zart, verschiedne Farben hat,
Die theils im roht-im grün- und gelben Schimmer stehn,
Worauf noch überdem ein stärkrer Glanz zu sehn,
Als auf dem andern Laub. Durch dieser Farben Menge,
Da vielfach roht und gelb und grün
Fast um den Vorzug recht zu kämpfen schien,
Entstand im ganzen Wald ein schimmerndes Gepränge.
Er schien mit solchem Glanz und buntem Licht geziert,
Als wär’ er überall illuminirt.
Nicht durch die Farben nur, auch durch die klaren Schatten,
Die hier, in zärtlichem Gemisch, sich lieblich gatten,
Wird auch, so bald er es verspürt,
Der Unaufmerksamste gerührt.
Es dringt ein solch durchläuchtig bunter Schein
Ins undurchdringlichste Gemüht,
Das alle Dinge sonst, ohn’ Achtsamkeit, besieht,
Mit nie gespürter Lust hinein,
Und kurz: Fast alles, was zu sehn,
War unausdrücklich schön.
Die Augen-Lust ward, durch das zwitschernde Getön
Der Vögel, welche man an vielen Orten höret,
Noch um ein merkliches vermehret.
Zuweilen schien, von ihrem hellen Singen,
Das ganze Wäldgen recht zu klingen.
Wobey der Guckguck dann
Sein lehrendes Getön:
Gar oft erschallen ließ.
Ich hab’, an diesem holden Ort, von eines schönen Waldes
Pracht,
Und seiner grünen Schatten Nacht,
Noch etwas zu Papier zu bringen,
Und unsers Schöpfers Lieb und Macht,
Gelegenheit gehabt, noch ferner zu besingen.
Wo auf der Erden Licht und Schatten
An einem Ort sich lieblich gatten,
So ist dasselbe wunderschön,
In einem dichten Wald, zu sehn.
Ein jedes Blatt zeigt dem Gesicht,
Bey manchem Schatten, manches Licht.
Bald schwärzt ein Blatt sich halb, bald ganz,
Bald schmückt es schnell ein heller Glanz,
Bald, wenn der West-Wind lieblich kühlet,
Und mit den schwanken Zweigen spielet,
Wird dieß von jenem Blatt bedeckt,
Das wiederum von dem versteckt.
Bald sieht man einige sich gleichsam recht vergülden,
Bald andre, die nicht da, im Schatten nett sich bilden,
Die oft an weisse Stämm’ auf Zweige deutlich fallen,
Und öfters still, und oft sanft, hin und wieder wallen.
Die Gipfel scheinen sich, zu diesem Zweck allein,
So angenehm zu neigen und zu ründen,
Daß, vor der Sonnen strengem Schein,
Wir ein gesichert Schirm-Dach finden.
Es scheint das zarte Laub sich, als mit Fleiß,
Recht Schuppen-weis’ und dicht, zu fügen und zu schliessen,
Daß wir, wenn es zu schwühl und heiß,
Der süssen Kühlung Lust geniessen,
Uns in den grünen Schatten legen,
Und Dessen Güte preisen mögen,
Der vor der starken Sonnen-Gluht,
Die unserm Korn und unsrer Saat zwar nützet,
Und aller Frucht so nöhtig thut,
Vor uns jedoch zu heftig blitzet,
Uns, durch den Schirm der Bäume, schützet.
Er zieht uns, in der Luft, der Luft und Erde Zier,
Die Wipfel grüner Bäum’, als grüne Wolken, für,
Um, was im Sonnen-Feur für uns zu viel, zu mindern,
Und ihrer Stralen Kraft zu mildern und zu lindern,
Wodurch zugleich, nebst dem empfindlichen Gefühl,
Durch das gemilderte, gebrochne Licht,
Das tausendfach gefärbt, dem forschenden Gesicht,
Da viele Stellen hier im hellen, dort im dunkeln,
Dort im gemischten, gelb- und grünen Feuer funkeln,
Ein’ Anmuht wiederfährt. Wenn man den Blick nun lenkt
In das verwachsene Gebüsch, und hier und dar,
Den oft zurückgewiesnen Strahl der Augen senkt;
Was wird man überall für Wunder nicht gewahr!
Auf tausend Art gekrümmte Zweige, auf tausend Art geborst-
ne Knäste,
Auf tausend Art bewachs’ne Stämm’, auf tausend Art gedreh-
te Aeste,
Auf tausend Art geformte Blätter, Gesträucher, Kräuter,
Gras und Klee,
Die den mit Klee bedeckten Boden geschmücket und bedecket
hatten,
Auf tausend Art formirte Lichter, auf tausend Art geformte
Schatten,
Auf tausend Art verworrne Hecken, bald niedrig und bald in
der Höh.
Man sah, wie hier im Sonnen-Strahl, und dort auf einem
dunklen Grunde,
Dort eine Menge dunkler Stämme, hier weisser Birken
Stämme stunde,
Die beyde, durch den Gegensatz, ein holdes Licht und Schat-
ten-Spiel
Dem eingeschränkten Auge machten, das jedem, der es sah,
gefiel.
Die Lage dieses Orts vergnügte mich so sehr,
Und zwar daher um destomehr,
Als ich, da rings herum das ganze Land
Sonst lauter Moor, ich doch auf einer nahen Stelle
Die schönste, reinste, klarste Quelle
Des allerschönsten Wassers fand,
Die ich denn ins gevierte fassen
Und ordentlich zum Brunnen machen lassen,
So denn, ohn an die Huld des Schöpfers zu gedenken,
Der überall die Erde weiß zu tränken,
Und Seinen Namen zu erhöhn,
Gott Lob! doch nicht geschehn.
Wie ich, nach rein gemacht- und ausgeschöpfter Quelle,
Dieselbige sich nun mit Sprudeln wieder zeigen,
Schnell in die Höhe sichtlich steigen,
Den ihr gemachten Kasten füllen,
Aus der ihr angewies’nen Oeffnung quillen,
Sich, wie sie voll, aus ihrer Rinn’ ergiessen,
Und sie zum erstenmahl sah’ überfliessen;
So fehlet’ es nicht viel, ich hätt’ auch ein paar Zähren
Aus meiner Augen schon damit erfüllten Röhren
Zugleich, vor Lust, mit überfliessen lassen.
Ich fing den neuen Lauf des Wassers an
Mit diesem Wunsche zu begleiten:
„rinn’, angenehmer Bach, für Jedermann,
„der deiner braucht, bis in die späte Zeiten!
„ach würde doch aufs mind’ste dann und wann,
„ein Mensch, durch dich getränkt, zu Dem geführt,
„der alle Wasser schuff, Der alle Bäche leitet,
„und Der die Welt so wunderbar bereitet,
„daß man fast überall verspürt,
„wie sie, durch Deine Huld, mit Segen angefüllet,
„fast überall von Segen quillet.
Bevor ich nun von diesem Lust-Revier,
Und dessen neuem Schmuck, die Feder niederlege,
So freu’ ich mich, o GOtt, und danke Dir
Für dieses Ortes neue Zier.
Gieb, daß ins künftige noch mancher denken möge,
Der mit vernünftigem Gemüht
Sich hier vergnügt, und alle Schönheit sieht:
Da alles Schöne, was die Welt in solcher Menge
füllet,
Nur bloß allein aus GOtt und Seiner Liebe quillet;
So freu ich mich, und will Demselbigen allein
In meiner Lust dafür von Herzen dankbar seyn.