Der Rugard. Erstes Lied .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Auf deiner schroffen Felsenscheitel

Empfange mich, alter Rugard.

Empfange mich, Hehrer!

Mich lüstert, zu schauen,

Mich lüstert, zu fassen,

Mit Einem staunenden Blicke

Die Küsten, die Inseln, und das donnernde Meer.

Fern dringt,

Rings rollt

Mein rastlos schwärmendes Auge.

Es heult der Sturm;

Es tosen die Ufer;

Der Riesengräber Grüfte seufzen.

Ich aber umfasse vom zackigen Felsen

Ufer und Inseln, und Festen und Meer.

Rechts blickt,

Links späht

Mein rastlos rollendes Auge.

Dort donnert das Ostmeer;

Hier sauset der Raddas-Hayn.

Dort thürmet die ländliche Tochter der Berge:

Rings zirkelt das wellengeschlagne Gestad'.

Wie tobt das Meer!

Wie saus't der Hayn!

Hörst du den Oceandonner?

Hörst du das Sausen im Raddas-Hayn?

Schön klingt dein Donner,

O Meer, den Ohren des Jünglings.

Dein Sausen, o Hayn,

Weht lieblich dem Draussenwandler.

Und du, o ländliche Tochter der Berge,

Ich liebe dich, Traute! Ich fand

In dir der Väter Biedermuth,

In deinen Töchtern Milde,

In deinen Jünglingen Geniusgluth,

In deinen wirthlichen Hütten

Gastfreyheit winkend und hochgeschürzt.

Auch segnet meine Seele,

Bergtochter, dich, Sey immer

Vom Thau des Himmels trunken!

Sey immer satt vom Marke

Der gartenvollen Flur.

Wie heult der Sturm!

Wie tobt das Meer!

Tiefer erseufzen die Gräber der Helden;

Schauriger saust es in Raddas Hayn.

Weit blinkt,

Fern dringt

Mein rastlosspähendes Auge. — —

Wer ist sie, die in Süden,

In Mitte blauer Fluren,

Im Abendglanz der Sonne,

Die Zinnen ihrer Thürme

Dem Nebelgedämmer erstreckt?

Ist das nicht meine Traute,

Nicht meiner Jugend Führerin,

Nicht meiner Kräfte Weckerin,

Nicht meiner Freuden Pflegerin? —

Ist's nicht mein Hyldathen

Es ists, es ists!

Diess Brusterschwellen,

Diess Wangerglühen,

Diess Herzerklopfen,

Jeder schwellende Muskel,

Jeder raschere Aderschlag

Verkündet mir: Es ist, es ist mein Hyldathen!

Sey mir gesegnet!

Sey mir gesungen!

Sey mir mit Dank und Liebe gegrüsst!

Tochter der Hylde, du schnalltest

Das Schwert veredelnder Freyheit

An meine Hüfte. Du flochtest

Der Weisheit schattenden Ölzweig

Um meine Stirne. Du schenktest

Den Becher der Freuden mit lauterem Wein,

Hellperlend,

Süssduftend,

Mir voll bis zum überströmenden Rand.

Tochter der Hylde, du letztest

Des Jünglings Durst, zu lieben,

Sein heisses Schmachten, geliebt zu seyn.

Meinen schönschwärmenden Werthing,

Meinen tieffühlenden Geltar

Meinen biedern Rhysolhall

Führtest du mir an die schmachtende Brust

Sey mir gesegnet!

Sey mir gesungen,

Sey mir mit feuriger Liebe gegrüsst!

Zurück in deine jauchzenden Mauern,

Zurück in deine schattigen Gänge,

Zurück in meiner Verlassenen Zirkel

Sehnt sich mit traurender Wehmuth mein Geist.

Sey mir gesegnet!

Sey mir gesungen!

Sey mir mit Dank und mit Liebe gegrüsst!

Linde Stille

Umschmeichelt die Flur.

Des Sturmwinds Flügel sinken;

Die Wogendonner schweigen;

Die Nebel zerflattern. Freundlich strahlt

Die Abendsonne durch zerrissne Wolken.

Und herrlich blaut

Der düstre Wald in der Ferne.

Und schimmernd weiss

Glänzt deine silberne Scheitel

In Titans Abendglanz, du alter Oceanus!