Der Säugling

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Wer ist der kleine Sklave, der in Banden

Aus diesem frühen Sarge Klagen weint?

Ein Mensch? O löset ihn, macht frei ihn von den Banden!

Wer Seufzer hemmet, ist ein Menschenfeind.

Der Wurm darf sich im Staube winden,

Das Lamm hüpft um die Mutter her;

Und ihn umhüllen Binden,

Zwangfesseln, eng und schwer.

Du Weltankömmling, Deinen zarten Händen

Prägt dies Geschenk Dein Glück des Lebens ein;

Um einen Pilgrimsweg von Sarg zu Sarg zu enden,

Sollst Du der Sklaven ew'ger Sklave sein.

So hört' ich es und singe bebend

Das Lied, das Dir die Parze sang,

Als sie den Faden webend

Zur Kette um Dich schlang.

Sie sang: „O Du im Chaos von Ideen

Geborner, wenn Du einst mit Fesseln ringst,

Und wie im Schiffbruch dann, um Sonn' und Tag zu sehen,

Vom Abgrund auf, doch schwer beladen dringst;

Du hörst das Chor der Sterne droben

Auf ewig unverrückter Bahn

Den Weltgebieter loben

Und schaust sie liebend an.

Dich weckt ihr Hochgesang, und aus der Seele

Stürmt in die Flügel Dir des Adlers Muth;

Du wägst den schweren Leib, entschwingst den Staub der Höhle

Und trinkst im Geiste schon der Sonne Gluth.

Ach, nicht vom ersten Morgensterne,

Vom Felsen blickst Du bald hinab,

Und schaust in naher Ferne

Den Erdenball, Dein Grab.

Dann klagt Dein Herz, daß, die im Staube wohnen,

Das Erdenvolk sich lab' an Finsterniß.

O, Dir zu eigner Ruh, Dein bestes Selbst zu schonen,

War's, daß ich größerm Lichte Dich entriß,

Bis bald der sanfte Schwung der Wiege

Mit Lethe's Welle Dich besprengt

Und Dir zum Thorenkriege

Ein weises Phlegma schenkt.“

Die Parze sprach's. Da trat zu seiner Wiege

Ein lichter, leichter Lebensgenius

Und gab, daß er im Kampf der Thoren nicht erliege,

Mit seinem Segen ihm den Friedenskuß,

Gab ihn der Unschuld Mutterhänden

Und, sehet! hat sein zartes Haupt,

Den Dämon abzuwenden,

Mit einem Kranz umlaubt.

Ein Kranz der Blume, die verborgen blühet

Und schmückt ihr schönes Thal auch ungesehn,

Erfreut, wenn sie den Blick der Liebe zu sich ziehet,

Vergnügt, wenn keine Blicke sie erspähn.

O Knabe mit dem Veilchenkranze,

Sei wie die Blume, die im Gruß

Des Friedens Dir mit stillem Glanze

Umwand Dein Genius.

Und wenn ein rauher Fuß Dich niederdrücket,

Mißgönnt die Sonne Dir Dein Tröpfchen Thau,

Du senkest müde Dich, vom scharfen Ost zerknicket,

Und suchest Schatten in der dürren Au,

Dann sei, wenn, sanft Dich wegzumähen,

Der Sonne letzter Schimmer traf,

Im leisen Frühlingswehen

Dein Tod der Blume Schlaf!