Der Schmetterling und der Rabe

By Gottlieb Konrad Pfeffel

Written 1765-01-01 - 1765-01-01

Kaum hatte Florens Zauberring

Der Tellus kalten Schooß berühret

Und ihn mit Blumen ausgezieret;

So schwung ein junger Schmetterling

Die blaugezackten Silberflügel

Und flog, von süßer Lust berauscht,

Sogleich auf Paphos Myrthenhügel,

Wo Amor unter Rosen lauscht.

Hier sah ihn ein gelehrter Rabe,

Der in betrachtungsvoller Ruh

Zehn Jahre schon in einem Grabe

Sein Wesen trieb, und rief ihm zu:

Um ein paar Wochen nur zu leben,

Sprich! ist es wohl der Mühe werth,

Auf buntem Tand umher zu schweben,

Den, so wie dich, ein Tag zerstört?

Ja, hätte Cloto zehn Dekaden

Und mehr an deinen Lebensfaden,

Wie an den meinen, angereiht;

So wären deine Gaukeleyen,

So wäre deine Sicherheit

Dir eher zu verzeihen.

Ich thue, was mein Trieb mich lehrt,

Und wette diese Purpurnelke,

Mein Glück ist wohl das deine werth.

Wahr ist, daß ich mit ihr verwelke;

Allein so lange weit und breit

Bekannt ist, daß die Herren Raben

Mit Leichen ihren Gaumen laben,

Reizt keiner meinen Neid.

Wohlan, so lauf in dein Verderben,

Betrogner Sklav der Eitelkeit!

Da deine ganze Lebenszeit

Nichts ist, als kurze Frist zum Sterben;

So folgt, daß du ein Narr seyn mußt,

Im Taumel schnöder Sinnenlust

Auf Amaranthen und Narzissen

Sie sorglos zu verküssen.

Nun, nun Herr Doctor, schönen Dank

Für deine süßen Sittenlehren!

Fahr wohl! ich liebe keinen Zank,

Und traun! du wirst mich nicht bekehren.

Du lebest lang, ich lebe schön;

Allein auch du wirst einst vergehn.

Dann ist es gleich, ob mir nur Stunden,

Ob Menschenalter dir verschwunden.

Wer ohne Vorwurf und Verzug

Die Freuden dieses Lebens brauchet,

Und wenn ers morgen von sich hauchet,

So stirbt er alt genug.