Der Schwan. Ein Gesicht.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Ich ging der Warne schönbeblümten Strand

Entlang. Wie duftet' er! Wie funkelte

Sein blumiges Gestad' im sanften Strahl

Der Abendsonne. Rechts beschattet' ihn

Der stimmenvolle Hayn; ihn säumte links

Das Gold des Waizens. Droben wölbte sich,

Reinausgeheitert durch des Eurus Hauch,

Der ewge Himmel, spiegelte sich treu

Mit jeder Purpurwolke, die empor

Aus Westen flattert', in der reinen Fluth.

So spiegelt Gott der Herr sich selbst mit Lust

In einer Menschenseele, die noch rein

Und unverfälscht und gut und redlich ist.

Ich lagerte mich an des Flusses Saum,

Von Kalmus rings umduftet. Gottes Hauch

Umsauste mich. — Da rudert' aus dem Schilf,

Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,

Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,

Hervor ein königlicher Schwan. Er war

Weiss angethan, so blendend weiss, als sey

Sein glänzendes Gefieder aus dem Schaum

Des Meers geblasen. Langsam rudert' er

Und ernst einher. Sein melancholisch Haupt

Auf seine reine Brust gesenkt. So fand

Ich Iden einst das Auge thränenvoll,

Den Schwanenhals auf ihre Schwanenbrust

In stiller Schwermuth einsam hingeneigt.

Ich lag und lauschte. Stille war umher:

Die Sonne sank; die Lerche senkte sich

Tiefkreisend auf ihr Nest im Waizenschlag;

Und Gottes Odem hauchte leiser. — Horch!

Da weht' es süss, wie Liebeslispel wehn,

Und seeleschmelzend, wie ein Sterbelied,

Das Heil'ge singen, über Strom und Flur.

Ich schmolz in süsse Wehmuth. Zwar vernahm

Ich nicht des Liedes Worte; doch sein Klang

Durchschütterte mich mächtig, wiegte mich

In tiefe Träumereyen ein. Ich sah,

Ich hörte Mütter, die dem Grabe nah,

Die Kinder ihres Herzens segneten,

Und Jungfraun, die zu ew'ger Reinigkeit

Sich Gott gelobten; Bräut' und Jünglinge,

Die Lipp' auf Lippen ihren Lebensgeist

Ins All der Liebe heiss ausathmeten.

So däucht' es mir; so klang dem Schwärmenden

Des Schwanes melancholischer Gesang.

Und stiller ward der Schwärmer, lauschete

Und athmete noch leiser, dass ihm nicht

Des Liedes schwächster Laut entschlüpfte. — Schau!

Da stieg ein Schwarm von Geyern, Kranichen,

Von Störchen, Raben, Kibitz, und was sonst

Unreinen Viehs im blauen Äther schwimmt,

Lautkreischend in die Luft. Den klaren Tag

Verdunkelte der Schwarm; des Schwarms Gekreisch.

Sein Rufen, Krächzen, Klappern überschrie

Des schönen Sängers schmelzenden Gesang.

Und ich ergrimmt' im Geist. Unmuthig schwoll

Das Herz im Busen mir, dass ungestraft

Der dummen Kläffer höhnendes Geschrey

Das heil'ge Lied verschrie; dass dem Gezücht

Der geistigen Eunuchen, die, entmannt

In Mutterleibe schon, dem Genius,

Des Genius göttlichsten Ausblitzungen

Hass und Verfolgung schwuren — dass der Brut

Ihr kirchenschändend gottverläugnend Thun

Auch auf Momente nur frommt' und gedieh.

Ich irrt' entlang den blumenvollen Strand,

Ertrat Violen und Vergissmeinnicht,

Entrauft erzürnt dem wilden Rosenstrauch

Sein grünes Haar, und streut' es in den Wind.

Nicht so der Schwan. Gross, schweigend und

in Ruh

Des Selbstbewusstseyns rudert' er dahin.

Sein Schneegefieder glänzte durch die Nacht

Der Frevler rings um ihn, wie durch die Welt

Voll Bosheit eine gute Seele glänzt.

Dess grollten ärger noch die Frevelnden,

Und neue Bosheit keimte, wuchs und reift'

Im Hui! in ihrer neidgeschwollnen Brust.

Sie brausten eilig zum verwandten Koth,

Sie tauchten unter in den zähen Schlamm,

Belasteten Schweif, Schnabel, Schwing' und Krall'

Mit ekelhafter Beute, rauschten schwer

Beladen auf, umstürmten links und rechts

Den silberweissen Schwan, und schüttelten

Und klatschten wüsten Schmuz — wie aus der Ess'

Ein schwärzrer Brodem wirbelt, und die Luft

Verdunkelt — nieder auf den reinen Schwan.

Da wölkte sich sein blendendes Gewand,

Die Lilienweisse der gewölbten Brust,

Der klare Spiegel seiner Schwingen ward

Entstaltet, wie durch Tück' ein schön Gesicht,

Entadelt, wie ein Herz durch Bosheit wird.

Und heisser noch ergrimmt' ich, tiefer noch

Gekränkt, dass so verächtliches Gezücht,

Zufrieden nicht, des Sängers hohes Lied

Ruchlos verhöhnt zu haben, frecher itzt

Auch seinen Leumund, seiner Sitten Zucht,

Den lautern Sinn, das tadellose Thun,

Des Geistes Einfalt und Rechtschaffenheit,

Dreist zu begeifern sich erfrechen thät.

Entrüstet wandelt' ich den Strand entlang.

Ich schauet' auf zum amethystnen Dom,

Ich nahm zum Zeugen solcher Ungebuhr

Ihn, der das heil'ge Lied dem Menschen gab

Zum Trost in seinen Mühen, ihn, der selbst

Rein, schuldlos, makellos, des Reinen nur

Sich annimmt, alles Trugs und Schmutzes Feind.

Es fehlte wenig und ich forderte

Heraus den Gott im rohen Ungestüm,

Zurückzuschleudern die verruchte Brut

In ihr Geklüft', zu rein'gen Licht und Luft

Von ihrer Gegenwart Vorwurf und Quaal.

Nicht so der Schwan. Gross, schweigend und

in Ruh

Der Unschuld tauchete der Herrliche

Hinunter in die Fluth, verzog in ihr

Von Athemzug zu Athemzug, und sieh!

Nur schimmernder, nur reiner noch, denn vor,

Enttauchet' er der Fluth. Hinweggespühlt

War jeder Makel, jedes Schmuzes Spur.

Die dummen Neider sahn ihn, rauschten auf

In ihrer Ohnmacht knirschendem Gefühl,

Und floh'n zum Aas im nächsten Thal zurück.

Der Vogel Gottes aber schwamm getrost,

Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,

Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,

Hinab die blauen Fluthen. Angeweht

Von Gottes Hauch, vom letzten rothen Strahl

Des Tags umgoldet, rudert' er dahin

In stillem Ernst. Sein melancholisch Lied

Durchwallte fey'rlicher den dunkeln Forst,

Und stillte siegend mein empörtes Herz.

Erweicht, beschämt, genesen jeder Quaal

Stand ich erröthend, wie der ferne West,

Und thränend, wie der nahe Rosenbusch

Im Abendthau — „Unsterblicher Gesang,

Rief ich begeistert aus, zu dämpfen dich,

Wie zu vermailigen des Sängers Ruf,

Versucht umsonst der Neider dumme Wuth,

Umsonst der Sykophanten Hohngeschrey.

Sein Grimm verschnaubt und ihr Geschrey verstummt.

Du aber, heil'ges Lied, des Gottes voll,

Tönst nieder zu den Enkeln, rührst, entzückst,

Und nennst des Sängers Namen, der vorlängst

Verschwunden, der gerechtern Afterwelt.

O süsse Gabe, rief ich inbrunstvoll

Und sehnsuchtvoll, des Liedes Gabe sey

Gewährt mir für das Leben! Öfter noch

Heb' aus der Wirklichkeit beschränktem Kreis,

Heb' über eitles Lob und schnöden Hohn',

Heb' über alles, was den Sinn verwirrt,

Und ängstiget den Geist, den Strebenden

Hinüber in der Dichtung güldnes Land,

Das Land der Fabel und des Ideals.

O süsse Gabe! rief ich tiefer noch

Erschüttert. Ruhig sank und grossgeaugt

Die Sonne nieder. Feyernd lag umher

Der Wald, die Flur, der Strand. Der klare Fluss

Glitt purpurfarbig zwischen Blumen hin.

Froh der Erscheinungen, von Licht und Glanz

Durchstrahlt mein Innerstes, leis' angehaucht

Von ungebohrner Lieder lindem Wehn,

Schied ich erweicht von dannen und erstarkt!