Der Seidenwürmer künstliche Be- schaffenheit und Arbeit.

By Johann Justus Ebeling

Unter denen Wunderdsachen, die uns das Naturreich lehrt,

Wil ich nunmehr noch besingen, weil

Was man an dem Seidenwurm und an

Als bemerkenswürdig sieht, unsern Schöpfer zu er-

Gebet mir ihr holden Triebe! Lust und Krafft zum

Denn der Vorwurf den ich wähle, überzeugt uns

Von des Schöpfers Herrligkeit, der ein Würmgen

Worin solche Kunst gesenkt. Lasset uns zuerst an-

Von dem Ursprung wie die Würmer, daran wir viel

Aus der Raupen kleinen Eyern, durch die Vorsehung

Diese Thiere legen sie auf die breiten Maulbeerbäu-

Und bekleistern jedes Ey auf die Blätter fest mit Lei-

Alsdenn liegen sie im Winter, ohne Schaden bei

Derer stürmerischen Winde; und die Jungen krie-

Wenn der Maulbeerbaum ausschlägt; da zerbrechen

Wenn das aufgegrünte Laub, ihre Nahrung ist vor-

Täglich werden sie vergrössert durch den eingesognen

Durch der Lüffte reine Züge, und durch die verborgne

Die in die Natur gelegt. Wer kan hie nicht schon

Wie sich auf die Würmer auch das verborgene

Einer weisen Macht erstrekket. Wenn der Wurm

Glänzet er gleichsam von Schwärze, bei dem hel-

Doch nach einer kurzen Zeit, ist er gleichsam abge-

Seine Farbe scheint uns so, daß sie weisser Asche

Nachdem wird sein Kleid ganz garstig, wikkelt sich

Bald ist er ganz neu gekleidet und ist nach dem Au-

Groß und weisser anzusehn, und mit grün ganz aus-

Welche Farbe durch das Weiß in recht sanffter

Nach der Zeit von wenig Tagen lässet er von Fres-

Und liegt wie im tieffen Schlaffe, als in einem Tod-

Drauf erwacht er, fänget an sich zu krümmen und

Da wir wiederum an ihm eine Haut voll Runzeln

Er streifft sich zum zweiten mahle ab, die ganz

Wirfft sie mit den Fuß zur Seite, und wird gleich-

Als wär es ein andres Thier. Es fängt wieder an

Und sich durch das Maulbeerlaub wiederum recht zu

Aber ehe man es meinet, ist es wiederum vor-

Jhn befällt der vorge Schlummer, und die Schlaf-

Und wenn die zum Ende geht, wird er wiederum

Indem er die Haut abstreifft und zum dritten mahl

Wie vorhero ist geschehen. Er frißt wieder gierig

Bis er endlich alles müde und sich einen stillen

Wie Einsiedler auferbaut, und sich einen Faden we-

Worin er sich wunderbahr als Lebendig doch ver-

Wer die Wandelung bedenket, die an diesem Wurm

Und mit Achtsamkeit erforschet, wie er seine Faden

Der erstaunt ob aller Kunst, die darinnen zu be-

Und erkennt des Schöpfers Größ auch an diesen

Doch eh wir dies recht betrachten, wie die Faden

Laßt uns erst den Bau der Glieder an dem Seiden-

Er besteht nach Raupen Art, aus beweglichen Ge-

Die sich wie die Ringelein ineinander künstlich

Seine Füsse sind mit Klauen allenthalben woll ver-

Die er kan ganz schnell bewegen, daß sie gleich zu-

Wenn er sich wo halten wil. Er hat eine Hirnen-

Die sein feucht Gehirn bedekt, welche einem Sprüz

Gleich, und mit den Rükgelenken fest vereint den

Und die zähen Feuchtigkeiten durch den ganzen Kör-

In dem Munde sind zwei Reihn von den Zähnen die

Daß sie, wenn er sie bewegt, zu der linken Seite ge-

Diese dienen ihm die Blätter zu zerschneiden die sehr

Die sie an der Seit anfassen, und fast einer Sche-

Von einander drauf zertheiln. Wenn wir ferner

Und durch ein Vergrössrungs Glas vor die giergen

So kan man recht deutlich sehen, wie in ihm das

Und wie sich auch das Geblüte und der Safft bei ihm

Der nach seinem Kreislauf geht. Von dem Kopf,

Bis zum Schwanz ist eine Sehn oder Saite aus-

Die mit einem Mark gefüllet; das fast wie Gehirn

Diese die sich durch den Körper nach der Länge ganz

Schliest an sich die Lung, das Herz. Dieses Herz

Die so lang ist als der Wurm, wie uns alle Forscher

Die dasselbe untersuchet. Es sind viele Kämmer-

In dem Herz die breit und enge, nachdem sie gestel-

Sehen wir die Lunge an; so gleicht sie fast einer

Die gedoppelt und aussieht, als wenn sie viel Knöpfe

Die vor denen Löchern liegen, dadurch sich die Lufft

Die die Lunge paustend machet und den Saft zum

Zwischen dieser Lung und Herz sind die zarten Darm-

Die mit einem Darm umstrikt, worin eine zähe

Die dem flüßgen Harze gleichet, daraus wird das

Das man als ein Kunstgewebe um den Seidenwurm

Doch eh wir ihn Weben sehn, müssen wir annoch

Was die weise Vorsehung ihn noch wollen mehr

Er trägt unter seinem Maule ein noch wunderbahres

Darin man zwo Löcher findet, dadurch er die Fa-

Es gleicht einem Instrument, das man kan bei de-

Die den zarten Silberdraht in durchbohrten Bleche

Durch die Löcher wird gesprüzzet von der zähen

Daraus er die Faden spinnet, und sich macht sein

Darin er sich wikkeln wil. Fänget er nun an zu

So pflegt er die Tröpfelein an dem Orte fest zu kle-

Welchen er dazu ersehen. Kaum sind diese Faden

Welch er durch die Löcher ziehet, und wie Harz

So läst er sich dran herab, da sie sich denn zart ver-

Und wie ein gewirkter Draht durch die zähe Löcher

In demselben Augenblikke wird die Feuchtigkeit er-

Und des Harzes flüßig Wesen wie ein Faden dicht

So daß er sich ohn Gefahr kan an selben sicher hän-

Ohne daß er reissen wird. Diese Faden zu vermen-

Und in einem zu verbinden, drükt er mit den Fördern-

Sie gleich beide in einander, woraus einer kommen

Kommt die Zeu denn nun herdei, da er sich wil

So giebt er uns manche Lust und Vergnügen vor

Wenn man sieht wie er die Klauen künstlich braucht,

Und sie aneinander pichet, die zu seinem Zelt be-

Ist die Anstalt nun gemacht; so verknüpft er in dem

Solche Faden die aus ihm wie ein dünnes Harz fort-

Und er webt sich ein Gezelte, das wie grobes Zeug

Wie ein wollichtes Gewebe, das er um sich her ge-

Dieses Nez dient ihm zum Schuz wieder freie Luft

Weil sie auch gemeiniglich auf dem Baum zu woh-

Ist die äusre Dekke fertig; spannet er sich enger

Fähret in die Höh, zur Seite, Kreuzweis mit den

Ziehet sich stets in die eng, und bespannet sich mit

Da ist er in kurzer Zeit, ganz verhüllt in seinem

Alsdenn kann man nicht mehr sehen, was er thut,

Jedoch steht es zu errahten, daß er aus dem Harz

Sich noch eine Dekke macht; weil wir sie ganz deut-

Wenn wir den gewebten Kneul achtsam aus einan-

Diese dreifach zarte Dekken dienen ihm zum Aufent-

Als die erste vor dem Regen, und die feine wenn es

Und die Luft recht frostig zieht: und die dritte von

Die mit Harz bestrichen ist, kann ihm vor dem Frost

Darin liegt er als in Schalen, bis er zu dem Püp-

Und die vierte Haut ableget, womit er vorher ge-

Dieses Püpgen wandelt sich, wird wie die Erfah-

Da es Hörner, Flügel, Füß dehnet in ein Thier ver-

Welches man Zweifalter nennt; und wenn es im

Uns durch seine bunten Flügel, bei dem Sonnenschein

Dieses Thierchen suchet nun aus dem Nezze auszu-

Und durch Leitung der Natur, muß ihm auch der

Es stekt in der festen Dütte, in dem dichten Aufent-

Die gleich denen Tauben Eyern ist geformet und ge-

An dem einen End gespizt, an dem andern rund ge-

An dem Ende das gespizt, sind die Faden nicht gezo-

Daß sie Kreuzweis übergingen, noch mit Harze

Wie das andre End dagegen wol verwahrt und fest

Merkt die Vorsicht der Natur; oder vielmehr

An dem kleinen Seidenwurm, diese wunderbahre

Da es scheint als wenn er wüste, als er sich be-

Was nachhero aus ihm würde, vor ein ander Thier

In der Dütte liegt er so, daß der Kopf stets dahin

Wo das ungeleimte End, sich in eine Spizze dre-

Und er sorgt auch daß die Spizze nicht an andre

Dadurch würde ihm gar leichte sein Auskriechen auch

Ist nun alles so gemacht, hat er dreifach sich um-

Ist durch seine saure Müh Kraft und Saft aus ihm

So verliehret sich almählig seine wurmichte Ge-

Es entsteht aus seinem Wesen, in dem engen Aufent-

Wenn der Balg ist abgestreift ein solch Thier und

Kommt es an das Licht der Welt nun almählig her-

Dieses flattert auf der Erden; und vermehrt sich fer-

Unterdessen ist von Wurme nichts mehr übrig als

Der wie ein verschrumpftes Fell in der Dütte wird

Wenn die Seide zum Gebrauch wird hernachmahls

Welche Wandlung muß entstehen in dem Reiche der

Zeigt uns dies nicht von dem Schöpfer eine wunder-

Sehn wir aber nunmehr auch auf das wunderbahr

Was der Wurm um sich gewebt; so bewundern

Die den Würmgen eingepräget. Welche Weisheit,

Muß desselben Schöpfer haben, der ihn so hervor-

Menschen! seht die Faden an, die aus einem Wurm

Und aus einem zähen Harz, in desselben Bauch ent-

Müsset ihr nicht eingestehen, daß sie künlich, herrlich

Welcher Künstler wird es wagen solchen Würmern

Das? was die Natur gemacht, ist viel zärterlicher ge-

Als was Menschen Hand gedreht, und ihr eigner

Lernet daran dies erkennen:

Der ein Würmchen so gebildet, daß es wie ein Er-

Doch so künstlich wirken kan; daß es alle Kunst be-

Wenn es nur der Menschen Hand, ferner zum Ge-

Merket daran

Welches nicht zu unsern Leben, uns kan nüz und

Dieses feineste Gespinst, und die Flokken von der

Geben uns den schönen Stof, zu so manchen prächt-

Womit sich die Erden-Götter, Hoch und Niedrige be-

Muß uns wenn wir dies betrachten nicht des Her-

Grosser Schöpfer der Natur! du läst uns dein herr-

Auch im kleinesten Gewürm, als in einem Spiegel

Deine Weisheit, Macht und Güte blikt am Sei-

Merk dies blinder Atheiste; bist du nicht ein albern

Daß du keinen

Als dergleichen Würmer sind, seine wunderbahre

Dir so klar vor Augen legen. Sieh den Seiden-

Und sein glänzendes Gespinste, daß dich überzeugen

Von dem Daseyn eines Alls, wovon alle Ding ent-

Die wir mit Bewunderung im Naturreich klärlich

Merket dieß auch blinde Menschen, die ihr nur ver-

Auf ein Würmgen das der Schöpfer doch so herrlich

Euer Stolz der achtet nicht, was nicht groß ins

Seht ihr Künstler, die ihr nur stets von euren Wer-

Auf der Würme Kunstgewirke, das ihr nicht nachah-

Ob ihr gleich bei eurem Wizze, euch die größten Mei-

Gott ist alles, wir sind nichts, was wir in und an uns haben,

Sind nur blos von seiner Güt mitgetheilte Gnaden-

Wenn ihr dieses recht erkennet, daß euch

Wenn ihr als berühmte Meister mehrern Wiz als

So werd ihr vor das Geschenk ihm als dem alleine

Mit den Herzen, mit dem Mund und auch mit dem