Der Spielmann von Lys

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Im Forst von Lys am tiefen See

Erglüht die Mittagsstunde,

Die hundertjährigen Eichen stehn

Verschlafen in der Runde.

Kein Lüftchen geht, man hört von fern

Den Specht in Waldesmitten,

Da kommt der Spielmann durch den Busch,

Der braune Geselle, geschritten.

Er trägt ein Wams von Flicken bunt,

Trägt Farnkrautblüt' am Hute,

Sein schwarzes Auge lacht und blitzt,

Er singt mit lachendem Mute:

„Ich bin des grünen Waldes Kind,

Die Tierlein kennen mich alle;

Woher ich komme, das weiß der Wind,

Der Wind, wohin ich walle.

Des Bauern lach' ich hinterm Pflug,

Des Grafen hoch im Saale;

Mein Truchseß ist der Brombeerstrauch,

Mein Schenk der Quell im Tale.

„Im Winter schlaf' ich bei dem Fuchs,

Im Lenz auf sonnigem Rasen,

Und wird die Weile mir lang einmal,

So heb' ich an zu blasen.“

Er zieht hervor die Pfeif' aus Rohr,

Den Klang versucht er leise;

Fremdartig durch die stille Luft,

Verlockend schwillt die Weise.

Sie jauchzt wie wirbelnder Lerchenschlag,

Sie klagt wie Unkengestöhne,

Wie Kinderjubel und Todesqual

Lachen und weinen die Töne.

Und wie er sanft und sanfter bläst,

Da regt sich's in den Büschen,

Da kommt es geschlüpft durchs hohe Gras

Mit leisem Rieseln und Zischen;

Jetzt hebt sich vom Boden ein grünes Haupt

Auf grünem, gleißendem Rücken,

Zwei Augen glühn wie Edelgestein

Und funkeln vor Entzücken.

Das ist die Schlangenkönigin,

Sie kommt bezaubert vom Schalle,

Und hinter der Alten, wie Heeresgefolg',

Die Schlangen des Waldes alle.

Sie schließen den Kreis gleich wie zum Reihn,

Sie ringeln und züngeln vor Wonne,

Um ihre schillernden Leiber spielt

Durchs Laub der Strahl der Sonne.

Und sieh, nun schlüpft um des Spielmanns Hals

Die Königin zärtlich und leise,

Er kennt das Liebkosen der Freundin schon

Und bläst die schmelzendste Weise.

Doch als des Schalls ihn dünkt genug,

Da setzt er vom Munde die Pfeife,

Die Schlange, wonnegesättigt, löst

Langsam die glänzenden Reife.

Sie gleitet hinweg durchs wogende Gras

Und sucht ihr Nest in den Tannen,

Die Schwestern schießen ihr rauschend nach;

Der Spielmann wandert von dannen.

Er singt: „Ich bin des Waldes Kind,

Die Tierlein kennen mich alle;

Woher ich komme, das weiß der Wind,

Der Wind, wohin ich walle!“