Der Sterbende Socrates.
Als nun der Tag zum letzten selbst war kommen
Daß dieser Schatz uns solte seyn benommen
Und durch den Spruch den das Verhängnis macht
Dem Cerberus sein Bissen war gebracht
Den nicht vielmehr der schöne Geist beweget
Als etwan der so Thorheits Flecken träget
So nahmen wir auch die Gelegenheit:
Erbaut zu seyn durch seine Freundligkeit.
Den Heldenmuth nam keine Furcht gefangen
Wie nah ihm auch das Ende kam gegangen.
Er ward auch nicht durch Todes-Angst gerührt
So uns gar leicht Witz und Verstand entführt
Wer ist doch sonst wann er den Tag erblicket
Durch den der Leib wird aus der Welt gerücket
Er sey denn gantz ein Engel oder Stein
Daß er nicht solt in Angst und Schrecken seyn?
Drum hat gewiß der Engel reines Wesen
Den Socrates erzeuget und erlesen;
Denn unser Sinn ist warlich allzuschlecht
Und hört mit Angst des Todes strenges Recht
Jhm aber war es leicht alhier zu weisen
Ein Hertz aus Stein und einen Mund von Eisen
Es zeiget uns Gesichte Hand und Mund
Wie Geist und Sinn recht im Gewichte stund
Und daß man ihn weit höher muste plagen
Der Thränen Bach den Wangen abzujagen;
Die Seufzer selbst so allzuleicht entgehn
Die musten ihm stets zu gebote stehn
Sein treues Weib lag auch zu seinen Füssen
Verblast bestürtzt erbärmlich abgerissen
Sie konte nicht der Ubermaß der Pein
Durch ihr Geschrey wie sonst erleichtert seyn
Sie hielt den Sohn des Socrates in Armen
Und predigt’ ihm vom schläfrigen Erbarmen
Als welcher nicht vor dieser letzten Fahrt
Ein Seuffzerlein zu dem Gedächtniß ward.
Mein werther Mann begunte sie zu sagen
Ach würden wir zugleiche hingetragen
Ach weh! wann dir die allzulange Ruh
Das reine Licht der Augen drücket zu
So wirst du denn bey des Cocytus Flüssen
Gar schlechten Schein der Liebligkeit geniessen;
Und wären wir gleich allesambt um dich
So kentest du die Freunde gleich wie mich.