Der Sterbende Socrates.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Als nun der Tag zum letzten selbst war kommen

Daß dieser Schatz uns solte seyn benommen

Und durch den Spruch den das Verhängnis macht

Dem Cerberus sein Bissen war gebracht

Den nicht vielmehr der schöne Geist beweget

Als etwan der so Thorheits Flecken träget

So nahmen wir auch die Gelegenheit:

Erbaut zu seyn durch seine Freundligkeit.

Den Heldenmuth nam keine Furcht gefangen

Wie nah ihm auch das Ende kam gegangen.

Er ward auch nicht durch Todes-Angst gerührt

So uns gar leicht Witz und Verstand entführt

Wer ist doch sonst wann er den Tag erblicket

Durch den der Leib wird aus der Welt gerücket

Er sey denn gantz ein Engel oder Stein

Daß er nicht solt in Angst und Schrecken seyn?

Drum hat gewiß der Engel reines Wesen

Den Socrates erzeuget und erlesen;

Denn unser Sinn ist warlich allzuschlecht

Und hört mit Angst des Todes strenges Recht

Jhm aber war es leicht alhier zu weisen

Ein Hertz aus Stein und einen Mund von Eisen

Es zeiget uns Gesichte Hand und Mund

Wie Geist und Sinn recht im Gewichte stund

Und daß man ihn weit höher muste plagen

Der Thränen Bach den Wangen abzujagen;

Die Seufzer selbst so allzuleicht entgehn

Die musten ihm stets zu gebote stehn

Sein treues Weib lag auch zu seinen Füssen

Verblast bestürtzt erbärmlich abgerissen

Sie konte nicht der Ubermaß der Pein

Durch ihr Geschrey wie sonst erleichtert seyn

Sie hielt den Sohn des Socrates in Armen

Und predigt’ ihm vom schläfrigen Erbarmen

Als welcher nicht vor dieser letzten Fahrt

Ein Seuffzerlein zu dem Gedächtniß ward.

Mein werther Mann begunte sie zu sagen

Ach würden wir zugleiche hingetragen

Ach weh! wann dir die allzulange Ruh

Das reine Licht der Augen drücket zu

So wirst du denn bey des Cocytus Flüssen

Gar schlechten Schein der Liebligkeit geniessen;

Und wären wir gleich allesambt um dich

So kentest du die Freunde gleich wie mich.