Der Tower-Brand.
Wenn’s im Tower Nacht geworden, wenn die
Höfe leer und stumm,
Gehn die Geister der Erschlagnen in den Corri-
doren um,
Durch die Lüfte bebt Geflüster klagend dann,
wie Herbsteswehn,
Mancher hat im Mondenschimmer schon die
Schatten schreiten sehn.
Vor dem Zug, im Purpurmantel, silberweiß
von Bart umwallt,
Schwebt des sechsten Heinrichs greise, gram-
verwitterte Gestalt,
Lady Gray dann, mit den Söhnen König Edwards
an der Hand; — —
Leise rauscht der Anna Bulen langes seidenes
Gewand.
Zahllos ist das Heer der Geister, das hinauf —
hinunter schwebt,
Das da murmelt: „Fluch Dir Tower, dran das
Blut der Unschuld klebt;
Schutt und Trümmer sollst Du werden!“ aber
machtlos ist ihr Fluch,
Ehern hält den Bau zusammen böser Mächte
Zauberspruch.
Wieder nachtet’s, wieder ziehn sie durch die
Räume still und weit,
Plötzlich stockt der Zug und schaart sich um ein
glimmend Tannenscheit,
Dann geschäftig, wie die Bienen, tragen Schnitz-
werk sie herzu,
Und zur hellen Flamme schüren sie die matte
Gluth im Nu.
Wie das prasselt, wie das flackert! einen sprühn-
den Feuerbrand
Nehmen sie zum nächtgen Umzug jetzt als Fackel
in die Hand,
Weithin wird die Saat der Funken in den Zim-
mern ausgestreut,
Flammen sollen draus erwachsen; hei, der Fluch
erfüllt sich heut!
Alles schläft; doch auf vom Lager springt im Nu
der rasche Sturm,
Und er wirft sich in das Feuer, und das Feuer
in den Thurm,
An des Towers Felsenwände peitscht er schon
das Flammenmeer,
Und den Segen drüber sprechend, wogt auf ihm
das Geisterheer.
Doch, als ob das Salz der Thränen feuerfest
die Wände macht,
Wie wenn Blut der beste Mörtel, den ein Mei-
ster je erdacht, —
Seht, wie durstig auch die Flamme sich von Thurm
zu Thurme wirft,
Hat sie doch, als wären’s Becher, nur den In-
halt ausgeschlürft.
Wieder, wenn es Nacht geworden, wenn’s im
Tower leer und stumm,
Gehn die Geister der Erschlagnen in den Corri-
doren um,
Durch die Lüfte bebt Geflüster klagend dann,
wie Herbsteswehn,
Mancher wird im Mondenschimmer noch die
Schatten schreiten sehn.