Der Traum.
Einen süssen Traum hab' ich geträumet.
Rosig war sein Gürtel; goldbesäumet
War der Fittig, der den Gaukler trug.
Spottend ist der Flattrer nun entflogen,
Tückisch hat der Täuscher mich betrogen;
Dennoch dankt mein Herz ihm den Betrug.
Abend war es; und im Abendschimmer
Stand ich auf Arkonens heilger Trümmer,
Schaute staunend in die weite See.
Schimmernd in des Spätroths Widerscheine,
Stand bey mir die namenlose Eine,
Die ich wachend träumend einzig seh.
Schön bekränzt von Schlüsselblumenglocken,
Floss ihr Haar in schweren blonden Locken
Von des Zephyrs Odem aufgehaucht.
Weiss und schwellend, wie des Schwans Gefieder,
Wallt' ihr Schneegewand die Hüften nieder,
In der Abendsonne Gold getaucht.
Röther brannten itzt des Spätroths Gluthen,
Düstrer donnerten die düstern Fluthen,
Gross und fey'rlich sank die Sonn' hinab.
Rings umrauschte sie des Meeres Fülle;
Aber plötzlich ward es stille, stille,
Wie um eines guten Menschen Grab.
Staunend schauten wir vom schroffen Hügel
Nieder in des Meeres Lasurspiegel,
Staunender zum Abendroth empor.
Schon erblassten seine Purpurnelken.
Schau! da dämmert' aus den Duftgewölken
Bleich und lieb der Abendstern hervor.
Und mir ward, als hört' ich Angstgestöhne,
Grabgewimmer, dumpfe Jammertöne
Von dem blassen Stern herüberwehn.
„stern der Liebe,“ rief ich mit Erstarren,
„siehst du auch, du Blasser, Gräber scharren,
„herzen brechen, Leben untergehn?“
Schwärmend rief ichs, und die Edle blickte
Schweigend mir ins Auge. Schweigend drückte
Sie die Hand mir. Und vom süssen Schmerz
Überwältigt, sank die Tadellose,
Eine blasse sturmgebeugte Rose,
Angesichts des Weltalls mir ans Herz.
Horch, da wandelte das Angstgestöhne
Plötzlich sich in Hymenäentöne.
Brautgesänge schallten Chor um Chor.
Töne, wie sie
Wie sie
Schlichen schmelzend in mein trunknes Ohr.
Von der Sterne Schimmerlicht umflossen,
Von der Locken Goldgewölk umgossen,
Lag die Edle athmend mir im Arm.
Weggeschwemmt war aus dem selgen Herzen,
Das an ihrem schlug, die Fluth der Schmerzen,
Weggewaschen jeder alte Harm.
Eine grosse, selige Minute
Hielt ich so das Schöne und das Gute
Angeschmiegt an die getreue Brust.
Aber ach, der beerenreichen Trauben
Keine dem gewünschten Baum zu rauben,
War zu lockend die verbotne Lust.
Nur den leisesten der Küsse drückte
Ich auf ihre Lippen. Plötzlich zückte
Mir es rächerisch durch Mark und Bein.
Aufgeschüttelt aus dem süssen Traume
Fand ich mich im weiten öden Raume,
Fand ich, ach! im Weltall mich allein!
Also hat mich Phantasus berücket;
Täuschend hat der Gaukler mich entzücket
In der Fabel luft'ges Paradies.
Tückisch hat der Falsche mich verlassen.
Dennoch kann ich nicht den Täuscher hassen;
Traum und Wahn sind Liebenden so süss!