Der unverwelckte Amaranth oder Tausendschön Bey frühzeitigem Erblassen Hn. P. C....

By Heinrich Mühlpfort

Gjeßt Nimfen eure heisse Zähren

Auff diesen kalten Leichen-Stein.

Der Eltern hoffen und begehren

Jhr Kleinod schleust der Sarch jetzt ein.

Streut Blumen aus denn eure Blume

Die lieblich’ Amarant erblast.

Singt ihr ein Lied zum Ehren-Ruhme

Das Lieb’ und Treu hat abgefast.

Ob schon des Winters kaltes Rasen

Den Gärten ihren Purpur nimmt

Und für der Lüffte strengem blasen

Nichts weiter mehr zum Wachsthum kömmt:

So blüht doch eure Amaranthe

Das wunder-holde Tausendschön

Und wird des Himmels Anverwandte

Dort unter Cherubinen stehn

Die Vor-Welt hat ihr zugeschrieben

Daß ihre Pracht unsterblich sey.

Wenn nichts von Blumen übrig blieben

Krönt ihren Strauch ein ewig May.

Es weichen ihr die bunten Nelcken

Der Tulpen Sammt der Lilgen Schnee.

Wenn diese fangen an zu welcken

Steigt ihre Blume in die Höh.

Es mag ein tieffer Schnee sie decken

Sie blühet unter Frost und Eiß.

Der Hundsstern kan sie nicht erschrecken

Jhr macht des Sommers Gluth nicht heiß.

Egypten hat sie hoch geschätzet

Und von der Blumen Liebligkeit

Den Alten Kronen auffgesetzet

Zum Zeichen der gesunden Zeit.

Sagt Nymfen ob des Lebens Grüne

Und Anmuth von der Seel’gen weicht?

Ob die verschwesterte

Sich nicht den Amaranthen gleicht?

Wir sehen sie zwar hier erblassen

Doch nur zu größrer Herrligkeit:

Denn sie wird dort ein Glantz umbfassen

Der edlen Steinen Kampf anbeut.

Die Augen so jetzund versincken

Verklärt ein Diamanten Licht.

Sie sollen wie die Sterne blincken

Und schauen GOttes Angesicht.

Denckt nicht daß die Gestalt verfallen

Noch daß die Wangen sich gebleicht;

Weil sie mit lebenden Corallen

Die Hand des HErren überzeucht.

Der blasse Mund wird als Rubinen

In angenehmster Röthe stehn.

Die Glieder weisser als Jesminen

Ins Schloß der Ewigkeit eingehn.

Es flicht dem Kronen-reichen Haare

Die Huld der Engel Lorbern ein.

Wie kan denn nun die schwartze Bahre

Der Seeligen Behältnüß seyn?

Nein unser Amaranthe blühet

Weit schöner noch als Tausendschön

Nun Sie ihr Unschulds-Kleid anziehet

Das hell’ als wie der Sterne Höh’n.

Jhr unverweßliches Gepränge

Sticht aller Blumen Schönheit weg

Und ihrer Freuden Läng’ und Menge

Begräntzt der Ewigkeiten Zweck.

Der Gärten Amaranthen kleidet

Die Purpur-braune Liebligkeit.

Die Seel’ge so in Rosen weidet

Bey noch gar frischer Tages-Zeit

Geht jetzt durch des Erlösers Wunden

Bepurpert zu dem Leben ein

Und hat den Bräutigam gefunden

Weil ihrer Andacht Ampel rein.

Ein Heide nennt das Grab voll Schrecken

Ein Hauß der langen Einsamkeit.

Ein Nest wo sich nur Schlangen hecken

Wo nichts als schwartze Dunckelheit.

Wir wissen daß des Lebens Sonne

Der Aufferstehung Morgenröth

In unumbschrenckter Lust und Wonne

Mit uns aus unserm Grabe geht.

Lebt Amaranth durchs Wasser wieder

So bald dasselb’ ihn nur benetzt.

Ach wie viel mehr wird unsre

Die in der Erden Schoß versetzt

Des HErren Geist lebendig machen

Sein mächtig Athem hauchen an!

Daß sie wenn Welt und Himmel krachen

Beschreiten jene Freuden-Bahn.

Folgt schönste Nymfen folgt der Leichen

Und füget diese Grabschrifft bey:

Die Amaranthe so zugleichen

War einem Blumen-vollen May;

Der Mutter inniglich Ergetzen

Deß Vatern Augentrost und Licht;

Sieht man zwar hier in Sand versetzen

Doch raubt sie die Verwesung nicht.