Der wehklagende Æsculapius, Bey Beerdigung Hn. H. M. M. D. den 10. Febr. 1675.

By Heinrich Mühlpfort

Ich saß im Alterthum der Gräber gantz vertiefft

Diana sah’ mir zu und ihre göldne Sterne

Es wieß die letzte Nacht die sterbende Lucerne;

Indem ich manchen Stein und seine Schrifft geprüst

Befand ich daß der Mensch noch durch Gedächtnüß-Schrifften

Sich denckt was Ewiges auff dieser Welt zu stifften

Als mir das Licht vergieng und ein geschwinder

Mich in die Armen fast: Ich kan es nicht entdecken

Mit was bestürtzter Angst mit Zittern und mit Schrecken

(das Haar stieg mir empor die Brust war wie beeist )

Ich selbten angeschaut und seine dürre Knochen

Weissagten: Komm’ ich will ein herrlich Grab dir suchen.

Mich zog ein starcker Trieb in eine tieffe Grufft

Der Leichen dicke Meng erweckte nur mehr Schauren

Ich sahe weiter nichts als schwartz gewölbte Mauren

Und Sarg auf Sarge stehn biß etwas freye Lufft

Durch anfgeschloßne Thür nur einen Tempel zeigte

Worinn ein häuffig Volck sich zu der Erden neigte.

Da saß der Aesculap auf einem schwartzen Thron

Es schien sein heilig Haupt mit keinem Glantz umbgeben

Man sah zwar das Baret in seiner Würde schweben

Den starck bewachsnen Bart daß er Apollens Sohn

Coronis Mutter sey im ersten Anblick lehren

Und daß die Sterbligkeit als Helffer ihn solt ehren.

Sein rechter Arm ließ sehn den Stab der hohen Krafft

Den Knoten und noch mehr der Schlangen Band umbwun-

Man hat der Fichten Frucht in seiner Lincken funden

Die Eule so ein Bild gelehrter Wissenschafft

Stand für ihm als ein Hund sich auf die Seite machte

Und nicht gar weit davon der Hahn und Drache wachte.

Die aller höchste Still in reinster Einsamkeit

Hieß mich das Wunderwerck noch fleissiger bemercken

Es wolte mich der

Als gar der Aesculap in der Vollkommenheit

Worinn er Todte hat der Parcen Netz entrissen

Ließ die betrübte Wort aus seinem Munde fliessen:

Umbsonst hat Griechenland Altäre mir gebaut

Der Tempel-Raum mit Gold und Marmel ausgezieret;

Umbsonst hat mich ein Schiff der Tyber zugeführet

Und da zu erst als Schlang hernach als

Umbsonst hab ich das Reich der Höllen überzwungen

Die Todten auferweckt den Cerberus verdrungen

Nun mir noch dieser Ort ein Schau Platz herber Pein

In Traur-Gerüste soll der höchsten Schmertzen werden

Flog mein unsterblich Ruhm nicht durch den Kreis der Erden

Zog die Gesund heit nicht und aller Segen ein

Wohin ich mich gekehrt und unter meinen Söhnen

Sah ich die Tugend selbst ihr’ edle Häupter krönen.

Jetzt aber seh’ ich mich mit Leichen fast versetzt

Nicht daß unmöglich sey daß Menschen können sterben;

Diß klag’ ich wenn ein Mann gleich andern muß verderben

Den doch der gantze Chor der Musen werth geschätzt

Daß er gemeinem Heil zu Trost auf ewig lebte

Und mit Verstand und Kunst den Seuchen widerstrebte.

Unschätzbarer Verlust nun mein

Der Fürsten Rath und Artzt der Heimligkeit Ergründer

So die Natur versteckt ein neuer Kunst-Erfinder

Der auch den Hippocras und den Galen macht roth

Mit seinem schönen Buch so er vom Harn geschrieben

Das noch die kluge Welt als einen Schatz muß lieben.

Deß Leidens Hefftigkeit schloß Aesculapens Mund.

Ich der begierig war die Ursach außzufragen

Seh’ unter Ach und Weh die edle Leiche tragen

Und wie ein grosses Volck sie zu beklagen stund.

Als zwey in weissem Flor verkleidete Göttinnen

Den letzten Trauer-Dienst und Liebes-Pflicht beginnen.

Ja wo ich nicht geirrt must’ es die Tugend seyn

Jhr ungebundnes Haar trug eine Lorber-Krone

Die Hand dem Palmen-Zweig und als sie für dem Throne

Aesclapens sich gebeugt den nun ein grösser Schein

Der Majestät beschwang sprach sie mit holer Stimme

Wehr’st du O Lebens-Fürst nicht jetzt des Todes Grimme?

Der Zeiten Ruhm und Preiß

Der mich von Kindheit an zu seinem Schutz erwehlet

Und meinen rauhen Weg wie hart er nie verfehlet

Biß ihn nach Schweiß und Fleiß mein Ehren-Schloß umbfast

Da ihn die Treffligkeit und ungemeine Gaben

Gar zu der Fürsten Rath und Leibes-Cur erhaben.

Es sah’

Fast gleiche Gräntzen weiß zu Sceptern auserkohren

Und dem

Des gantzen Landes

Mit Gnaden-Augen an wie sich sein Artzt bemühte

Daß der Erlauchte Hof an Leibes-Kräfften blüthe.

Und die Genade weicht auch von der Baare nicht.

Loysens Göttlich Witz schätzt würdig zu begleiten

Den der so offt vermocht die Kranckheit zu bestreiten

Und ihrer Hoheit Straal theilt noch dem Grabe Licht

Für treue Dienste zu deß Printzen Sonnen-Blicke

Ziehn fast die schwartze Nacht des Traurens gantz zurücke.

Das nahe Poler-Land sammt seinen Grossen preist

Martini Hülff und Cur. Was Podalir gewesen

Bey jener Affter-Zeit das giebt er hier zu lesen

Jm kurtzen Inbegriff der zu der Artzney weist.

Viel von der Ritterschafft daß sie noch gehn und leben

Die müssen dem

So hab als Tugend ich ihm seine Müh belohnt

Und ehre noch sein Grab. Laß Aesculap geschehen

Daß meine Schwester die Erfahrenheit kan sehen

Wie hoch du ihn geliebt und weil du nicht gewohnt

Gehäuffter Reden bist wird sie mit kurtzem sagen

Wie dir dein Sohn

Was kan mein bebend Mund sprach die Erfahrenheit

Die Runtzel-volle Stirn die eingeschrumpfften Hände

Das weiß-beschneyte Haupt mein langer Rock ohn’ Ende

Und mein bemoster Fuß ein Bild der grauen Zeit

Bey diesem werthen Grab auß Hertzens-Angst mehr sprechen?

Als daß O Aesculap dein Trost und Stab will brechen.

Wie du der Aertzte Gott und erster Vater heist

Und trägest ein Baret als deiner Würde Zeichen

So hat ihm Heidelberg den Hut noch wollen reichen

Der ihn zum Doctor macht wiewol sein feurig Geist

Schon längst der Ehren werth die Reih von vielen Jahren

Bey hingelegter Zeit noch lassen mehr erfahren.

Dein Stab das Regiment so bey den Krancken gilt

Wieß ihm die rechte Maß die Artzney einzutheilen

Und auf was Weg und Art der Sieche sey zu heilen

Die Knoten so den Stab sambt einer Schlang umbhüllt

Der Künste Schwerigkeit deß kurtzens Lebens Enge

Der Wissenschafften Schein und der Gebrechen Menge.

Die Schlange daß ein Artzt vorsichtig solle seyn

Die Krancken so wie sie liebt ihre Brut zu lieben

Nachsinnen was er hat zur Artzney vorgeschrieben.

Diß traff O Aesculap stets bey dem Sel’gen ein

Der wol ein Ebenbild mag kluger Aertzte heissen

Die umb deß Krancken Heil zum höchsten sich befleissen.

Der Fichten Aepffel Frucht so bittre Schalen trägt

Doch einen süssen Kern den öffnenden gewehret

Lehrt daß dem jenen nur der Ehren Kron bescheret

So sich zuvor mit Müh’ und Arbeit hat belegt.

Gewiß

Wird bey der Nach-Welt auch nicht unbelohnet bleiben.

Des Sieges Bild die Eu

So hurtig hat gekämpfft es sagt ihr nächtlich wachen

Wie daß Minervens Gunst zu Göttern könne machen

Verehrer ihrer Zier. Und ob

Und schläft in sanffter Ruh so wird Athen bezeugen

Daß auch die Wissenschafft der Griechen sey sein eigen.

Der Hund so wach’ und treu an deiner Seiten sitzt

Ertz-Vater aller Kunst gibt deutlich zu verstehen

Es muß ein redlich Artzt zu seinen Krancken gehen

Mit nicht geringer Treu.

Den letzten Dienst anthun ließ ja durch Treu und Glauben

Den Tod wie starck er war

Der Hahn der dir so offt zum Opffer wird geschlacht

Uhralter Schlangen-Gott von denen die genesen

Läst uns hierinnen auch gleich einem Spiegel lesen

Daß weil er embsig ist die seinen schützt und wacht

Ein Artzt die jenigen für Nöthen müssen schützen

So der Gesundheit Bau auf seine Curen stützen.

Der Drache siehet scharff: So soll auch die Natur

Und ihren gantzen Lauff ein Sohn von dir durchmessen

Noth-Wender Aesculap.

Von keinen Zeiten nicht der eine sondre Spur

Bedachtsam außersehn das Ubel weg zu treiben

Und wie jedwedes Glied bey Kräfften könne bleiben.

Ja Aesculap ich klag als die Erfahrenheit

Daß so viel Witz und Kunst die finstre Grufft soll decken:

Doch kan noch seinem Grab’ ein ewig Licht aufstecken

Der ihm gantz gleiche

Zu seinem Priester hat und der der Meditrinen

Als wie der Vater wird mit gleichem Ruhme dienen.

Des Eydams Pieris läst ihn nicht unter gehn

So lebt er durch sich selbst in den berühmten Schrifften

Was Epidaurius was sollen wir ihm stifften?

Du bist allein genug sein Lob recht zu erhöhn.

Zn dem der Liebsten Hertz wird ein Mausol ihm bauen

Darinn man ihre Lieb’ und Treu kan kennbar schauen.

Sie schloß und Aesculap erhub sein traurig Haupt

Rieß von dem grauen Haar die grünen Lorber-Zweige

Und sprach: Damit ich noch in was mein Leid bezeige

So sey der edle Sarg mit Lorbern stets belaubt.

Der die Verwesung hat getrotzet durch

Desselben Ehren-Ruhm soll nimmermehr verwesen.

Gelehrte Köpffe sind doch tausend Thränen werth

Und du

So durch Geschickligkeit ein herrlich Lob erreichen.

Wenn alles was der Mensch besitzt die Zeit verzehrt

Soll dein Gedächtnüß doch in den Gemüthern grünen

Der lobt die hohe Kunst und der dein redlich Dienen.

Solch reden unterbrach der Music Trauer-Klang

Die Flöten wünschten Ruh den schlaffenden Gebeinen

Ich sah den gantzen Ort voll heller Fackeln scheinen

Und wo mein Ohr nicht fehlt der Clarien Gesang

Macht ein solch Schwanen-Lied bey der entseelten Leichen

Dem auch Amphion müst’ und Orpheus Laute weichen.

Indessen merck’ ich mich umbgeben mit der Nacht

So mich vorhin bedanckt; ich will den Fuß entziehen

Und aus der finstern Grufft zu meinen Büchern fliehen

Als diß Gesichte mir der Morgen wahr gemacht

Und mich die Post belehrt

Den werthesten Martin muß Brieg ins Grab be-

gleiten.