Der Wenersee.

By Theodor Fontane

Mit dem Meergott kämpften heißer die Giganten

einst, denn je:

Siegreich, aus des Nordmeers Armen, rissen sie

den Wenersee,

Bauten, zwischen Sohn und Vater, einen länder-

breiten Damm,

Stellten vor das Thor, als Wächter, einen ganzen

Felsenkamm.

Oft erfasst den See ein Zittern tiefer Sehnsucht,

und er lauscht,

Wenn’s, gleich fernem Meeresbrausen, in den

Tannengipfeln rauscht,

Beim Geheul der Wölfe wähnt er, daß die Winds-

braut nahe sei,

Und im heisren Lied des Hähers hört er nur der

Möve Schrei.

Frühling wird’s, und dreißig Ströme zahlen

plötzlich ihm Tribut,

Dreißig Ströme, die sonst meerwärts nieder-

stürzten ihre Fluth,

Mit der Wasser Steigen steigt auch das Gefühl

ihm seiner Kraft,

Und dem Freiheitsdrang gesellt sich jetzt der Zorn

ob seiner Haft.

Hoch schon überragt der Spiegel seiner Fluth

den Riesendamm,

Zwischen ihm und seiner Heimath hebt sich nur

der Felsenkamm,

Da in siegessichrem Muthe, ruft er: „Vater,

meine Hand

Streck’ ich Dir noch heut entgegen durch das

felsbewachte Land.“

Und der dreißig Ströme jeden schleudert er als

Wurfgeschoß

Auf den Wächter, und zertrümmert Haupt und

Glieder dem Koloß,

Den gewalt’gen Rumpf des Felsens überschäumt

sein Wasserschwall,

Und zum ersten Mal, zur Tiefe donnert der

Trolhätta-Fall.

In dem Riesendamme wühlt er sich mit leichter

Müh ein Bett,

Und das Meer kommt ihm entgegen, und sie

graben um die Wett’,

Jauchzend reichen Sohn und Vater zum Will-

kommen sich die Hand,

Felsenglieder, wie Trophäen, decken rings um-

her das Land.