Der Winter.

By Barthold Heinrich Brockes

Es füllt die Welt, auch bey dem Frost, sich öfters mit so

schönen Bildern,

Daß ich mich nicht enthalten kann, wie sehr sie, auch im Win-

ter, schön,

Dem Schöpfer der Natur zum Preise, nicht nur aufmerksam

anzusehn;

Ich muß noch eine Winter-Landschaft in meinen Liedern

abzuschildern,

Und zwar, so viel es möglich ist, recht eigentlich und nach

dem Leben,

So daß sie auch im Sommer sichtbar, und zu bewundern,

mich bestreben.

Der Erden Fläch’ ist weiß beschneit, die Fluht, so weit man

sieht, gefroren,

Und ganz mit klarem Eis erfüllt. Dadurch erblickt man

überall,

Wohin man sieht, dem Ansehn nach, fast nichts als Silber

und Krystall.

Wann nun an einem heitern Tag die scharfen Winde sich

verlohren,

Und man sodann im Sonnenschein, wenn sie aufs aller-

höchste steht,

Am Ufer, oder auf dem Eise, bedachtsamlich spatzieren

geht;

Glänzt alles, was man um sich sieht, in tausendfach

gebrochnem Licht,

So daß den fast durchstrahlten Augen, dem fast geblendeten

Gesicht,

Kein Vorwurf schöner scheinen kann. Von angestrahlten

Eises Spitzen

Erhebet sich, an tausend Stellen, ein helles bunt-gefärbtes

Blitzen,

Wenn nemlich, an so vielen Ecken, das aufgefangne Son-

nen-Licht,

In schnell zurückgeschickten Strahlen, und reinem Glanz,

sich funkelnd bricht.

Wenn man in einer Landschaft wäre, wo alles voll von

Edelsteinen,

Unmöglich könnte sie im hellern, poliert- und reinern

Glanze scheinen.

Es sieht, zu einer solchen Zeit, der Erden und das Wasser-

Reich,

Am Schimmer, Glanz und buntem Feuer, fast wahren

Diamanten gleich.

Von selbst geformte Prismata sieht man bald hier, bald

dorten funkeln,

Hier Purpur, dorten Gelb, wie Gold, hier Weiß, dort

Blau, da Roht, dort Grün,

In wandelbarer Farb’ und Glanz, recht als im bunten Feuer,

glühn,

In klein- und grossen Eises Stücken, auf weissen bald, und

bald auf dunkeln,

Mit schwärzlich- blau gemischten Stellen des unbeschneiten

Eises, das

Sich oft, so weit man sieht, erstreckt, als wie ein grosses

Spiegel-Glas,

Worinn von abgestreiften Bäumen, von Schnee- von

schroffen Eises-Hügeln,

Und vielen andern Gegenwürfen, sich mancherley Figuren

spiegeln.

Ja, worinn oft, selbst von der Sonnen, nicht nur ihr güld-

nes Rund sich bildet,

Zugleich auch eine Menge Strahlen den glatten Grund oft

ganz vergüldet.

Viel’ Stellen, von gedämpften weissen, viel-förmgen krum-

men Adern reich,

Sehn schönem grau-polierten Marmor an Farben, Glanz

und Glätte gleich.

Der hart gefrorne Schnee-Staub scheint, in seinen kleinen

glatten Trümmern,

Wie Millionen Edelsteine, wie diamantner Staub, zu

schimmern,

Indem darauf, mit ihren Strahlen, die Schönheit-Quell’,

der Sonnen Licht,

Auf Millionen Art- und Orten, sich in so reinem Schimmer

bricht,

Daß man an einem weissen Himmel glaubt so viel’ Sterne

wunderschön,

Als wie, in einer heitern Nacht, am blauen Firmament

zu sehn.

Was nun, in so gefärbten Blitzen, sich schimmernd hier vor

Augen legt,

Wird ihnen, bloß von einer Sonne, wovon sie Bilder, einge-

prägt.

Man sollte denn auf sie den Blick, den so gerührten Blick

nicht lenken,

Ohn’ an den Ursprung, an die Sonne, und deren

zu gedenken.