Der Winter.
Es füllt die Welt, auch bey dem Frost, sich öfters mit so
schönen Bildern,
Daß ich mich nicht enthalten kann, wie sehr sie, auch im Win-
ter, schön,
Dem Schöpfer der Natur zum Preise, nicht nur aufmerksam
anzusehn;
Ich muß noch eine Winter-Landschaft in meinen Liedern
abzuschildern,
Und zwar, so viel es möglich ist, recht eigentlich und nach
dem Leben,
So daß sie auch im Sommer sichtbar, und zu bewundern,
mich bestreben.
Der Erden Fläch’ ist weiß beschneit, die Fluht, so weit man
sieht, gefroren,
Und ganz mit klarem Eis erfüllt. Dadurch erblickt man
überall,
Wohin man sieht, dem Ansehn nach, fast nichts als Silber
und Krystall.
Wann nun an einem heitern Tag die scharfen Winde sich
verlohren,
Und man sodann im Sonnenschein, wenn sie aufs aller-
höchste steht,
Am Ufer, oder auf dem Eise, bedachtsamlich spatzieren
geht;
Glänzt alles, was man um sich sieht, in tausendfach
gebrochnem Licht,
So daß den fast durchstrahlten Augen, dem fast geblendeten
Gesicht,
Kein Vorwurf schöner scheinen kann. Von angestrahlten
Eises Spitzen
Erhebet sich, an tausend Stellen, ein helles bunt-gefärbtes
Blitzen,
Wenn nemlich, an so vielen Ecken, das aufgefangne Son-
nen-Licht,
In schnell zurückgeschickten Strahlen, und reinem Glanz,
sich funkelnd bricht.
Wenn man in einer Landschaft wäre, wo alles voll von
Edelsteinen,
Unmöglich könnte sie im hellern, poliert- und reinern
Glanze scheinen.
Es sieht, zu einer solchen Zeit, der Erden und das Wasser-
Reich,
Am Schimmer, Glanz und buntem Feuer, fast wahren
Diamanten gleich.
Von selbst geformte Prismata sieht man bald hier, bald
dorten funkeln,
Hier Purpur, dorten Gelb, wie Gold, hier Weiß, dort
Blau, da Roht, dort Grün,
In wandelbarer Farb’ und Glanz, recht als im bunten Feuer,
glühn,
In klein- und grossen Eises Stücken, auf weissen bald, und
bald auf dunkeln,
Mit schwärzlich- blau gemischten Stellen des unbeschneiten
Eises, das
Sich oft, so weit man sieht, erstreckt, als wie ein grosses
Spiegel-Glas,
Worinn von abgestreiften Bäumen, von Schnee- von
schroffen Eises-Hügeln,
Und vielen andern Gegenwürfen, sich mancherley Figuren
spiegeln.
Ja, worinn oft, selbst von der Sonnen, nicht nur ihr güld-
nes Rund sich bildet,
Zugleich auch eine Menge Strahlen den glatten Grund oft
ganz vergüldet.
Viel’ Stellen, von gedämpften weissen, viel-förmgen krum-
men Adern reich,
Sehn schönem grau-polierten Marmor an Farben, Glanz
und Glätte gleich.
Der hart gefrorne Schnee-Staub scheint, in seinen kleinen
glatten Trümmern,
Wie Millionen Edelsteine, wie diamantner Staub, zu
schimmern,
Indem darauf, mit ihren Strahlen, die Schönheit-Quell’,
der Sonnen Licht,
Auf Millionen Art- und Orten, sich in so reinem Schimmer
bricht,
Daß man an einem weissen Himmel glaubt so viel’ Sterne
wunderschön,
Als wie, in einer heitern Nacht, am blauen Firmament
zu sehn.
Was nun, in so gefärbten Blitzen, sich schimmernd hier vor
Augen legt,
Wird ihnen, bloß von einer Sonne, wovon sie Bilder, einge-
prägt.
Man sollte denn auf sie den Blick, den so gerührten Blick
nicht lenken,
Ohn’ an den Ursprung, an die Sonne, und deren
zu gedenken.