Des Arztes Vermächtniß.

By Annette von Droste-Hülshoff

So mild die Landschaft und so kühn,

Aus Felsenritzen Ranken blühn;

So wild das Wasser stürmt und rauscht,

Und drüber Soldanella

Nichts was ein wundes Herz so kühlt

Als Bergesluft die einsam spielt,

Wenn Maienmorgens frische Rosen

Mit Fichtendunkel flüsternd kosen.

Wo über'm Wipfelmeer das Riff

Im Aether steht, ein flaggend Schiff,

Um seinen Mast der Geier schweift:

Tief im Gebüsch das Berghuhn läuft,

Es stutzt — es kauert sich — es pfeift

Und flattert auf; — ein Blättchen streift

Die Rolle in des Jünglings Hand.

Der schaut, versunken, über Land,

Wie Einer, so in Stromes Rauschen

Will längst verklungner Stimme lauschen.

Er ruht am feuchten Uferrand. —

In seinem Auge Einklang liegt

Mit dem, was über ihm sich wiegt,

Mit Windgestöhn' und linden Zweigen:

Was ist ihm fremd, und was sein eigen?

Gedankenvoll dem Boden ein

Gräbt Zeichen er mit spitzem Stein,

Und löst gedankenvoll das Band

Am Blatt, wo, regelloser Spur,

Ach! eine Hand, zu theuer nur,

Vertraut gestörter Seele Leiden,

Die Wahr und Falsch nicht konnte scheiden.

Und will er — soll er — dringen ein

In ein Geheimniß das nicht sein?

Es sey! es sey! die Hand ist Staub,

Und ein Vermächtniß ja kein Raub!

Dann — Wasser, Felsen, Alles schwand.