Des Arztes Vermächtniß.
So mild die Landschaft und so kühn,
Aus Felsenritzen Ranken blühn;
So wild das Wasser stürmt und rauscht,
Und drüber Soldanella
Nichts was ein wundes Herz so kühlt
Als Bergesluft die einsam spielt,
Wenn Maienmorgens frische Rosen
Mit Fichtendunkel flüsternd kosen.
Wo über'm Wipfelmeer das Riff
Im Aether steht, ein flaggend Schiff,
Um seinen Mast der Geier schweift:
Tief im Gebüsch das Berghuhn läuft,
Es stutzt — es kauert sich — es pfeift
Und flattert auf; — ein Blättchen streift
Die Rolle in des Jünglings Hand.
Der schaut, versunken, über Land,
Wie Einer, so in Stromes Rauschen
Will längst verklungner Stimme lauschen.
Er ruht am feuchten Uferrand. —
In seinem Auge Einklang liegt
Mit dem, was über ihm sich wiegt,
Mit Windgestöhn' und linden Zweigen:
Was ist ihm fremd, und was sein eigen?
Gedankenvoll dem Boden ein
Gräbt Zeichen er mit spitzem Stein,
Und löst gedankenvoll das Band
Am Blatt, wo, regelloser Spur,
Ach! eine Hand, zu theuer nur,
Vertraut gestörter Seele Leiden,
Die Wahr und Falsch nicht konnte scheiden.
Und will er — soll er — dringen ein
In ein Geheimniß das nicht sein?
Es sey! es sey! die Hand ist Staub,
Und ein Vermächtniß ja kein Raub!
Dann — Wasser, Felsen, Alles schwand.