Des Grabes Furchtbarkeit und Lieblichkeit.
Furchthar ist das Grab!
Kalte Winde sausen,
Dumpfe Schauer grausen,
Gram und Grauen hausen
Um das stumme Grab.
Furchtbar ist das Grab.
Lieblich ist das Grab.
Linde Stille flistert,
Kühler Schatten düstert,
Tiefer Friede säuselt
Um das stille Grab.
Lieblich ist das Grab.
Graunvoll ist das Grab.
Ängstlich ist des Grabes Enge,
Seine Breite, seine Länge,
Seine Höhe, seine Tiefe
Messen sieben Schritte ab.
Graunvoll ist das enge Grab.
Lieblich ist das Grab.
Süss und schirmend seine Enge;
Vor dem lästigen Gedränge,
Vor dem gaukelnden Gepränge,
Vor der Thoren bunter Menge,
Rettet seine sichre Enge —
Lieblich ist das enge Grab.
Graunvoll ist das Grab.
Sein mitternächtlich Dunkel
Durchblitzt kein Sonnenfunkel,
Durchblinkt kein Abendsternschimmer,
Durchflimmt kein Mondenflimmer.
Mohrenschwarz ist, ach, das Grab!
Lieblich ist das Grab.
Seine Schatten
Wehn dem matten
Wanderer Erquickung zu.
Seine Kühle
Lullt die schwüle
Müde Pilgerin in Ruh.
Lieblich ist des Grabes Ruh.
Furchtbar ist das Grab.
Regen rasselt,
Stürme heulen,
Schlossen stöbern
Rings um das wettergegeisselte Grab —
Furchtbar, furchtbar ist das Grab.
Lieblich ist das Grab.
Frühlingswinde blasen
Um des Hügels Rasen;
Stille Veilchen spriessen
Zu des Hügels Füssen;
Zu des Hügels Häupten
Blühn Vergissnichtmein.
Luna flimmert,
Hesper wimmert,
Eos röthet
Und Aödi's Klage flötet
Um das grasbegrünte Grab —
Lieblich, lieblich ist das Grab.
Einsam ist das Grab.
Kein Laut des Lebens,
Kein Tritt des Wandrers,
Kein Gruss des Frohen
Besucht das ewig öde Grab.
Ach, wie einsam ist das Grab!
Einsam ist das Grab.
Der Freude wilde Jubel,
Des Leichtsinns lautes Lachen,
Der Frechheit wüster Reigen
Besuchen nie das Grab.
Aber lebensmüde Weise,
Und der Wehmuth sanfte Töchter,
Und des Liedes edle Söhne,
Wandeln gern, wo Gräber grünen,
Schauen staunend drauf hinab —
Nein, nicht einsam ist das Grab.
Fühllos ist das Grab.
Starr und taub und stumm,
Welk und schlaff und dumm,
Des Hoffens Lichtglanz,
Des Ahnens Blitzstrahl,
Des Grämens Wonne,
Des Liebens Wollust —
Verloren sind sie für das todte Grab.
Furchtbar, furchtbar ist das Grab.
Lieblich ist das Grab.
Allen Hader,
Alle Zwietracht,
Jede Fehde
Begräbt das stille Grab.
Die Feldschlacht brüllt nicht mehr;
Die Brandung braust nicht mehr;
Der Vulkan raucht nicht mehr.
Langen Stillstand,
Tiefen Frieden
Gewährt das ewigstille Grab.
Lieblich, lieblich ist das Grab.
Ewig hüllt das Grab,
Seiner Pforten Riegel,
Wer entriegelt sie?
Seiner Schlösser Siegel,
Wer entsiegelt die?
Seiner Eisenbetten
Diamantne Ketten,
Wann zersprangen sie?
Ring' deine Hände wund!
Rauf' deine Scheitel kahl!
Wein' deine Sehkraft aus!
Vertraure deiner Röhren Mark!
Umsonst! Umsonst!
Das Unerbittliche gibt nie zurück.
Auf ewig schlingt sein Hungerschlund hinab;
Auf ewig wiederkäu't es seinen Raub.
Grässlich, grässlich ist das Grab!
Warum raufen dein Haar?
Warum verweinen dein Auge?
Warum zerringen die blutigen Hände?
Warum vertrauren dein edelstes Mark?
Feiger, ermanne dich!
Nicht ewig hüllet das Grab!
Monden verwallen,
Jahre verrollen;
Immer noch hüllet das Grab.
Aus den Jahren erschwellen Jahrhunderte,
Aus Jahrhunderten lange Jahrtausende.
Immer noch hüllet das Grab!
Aber nun sind sie verrollt, die hunderte, tausende
alle,
Aber schon schimmert die Berge herüber der Tag
der Vollendung!
Schau, es kreissen die Gräber. Die Särge gebären;
die Urnen
Bersten; der wölkende Staub wird Seele; die
Asche wird Leben.
Jene Enge weitet sich aus zu unendlichen Räu-
men;
Jene Dunkel hellen sich auf zum unendlichen Tage;
Jene lange Stille wird unauslöschlicher Ju-
bel;
Jenes öde Schweigen wird nie erschlaffende That-
kraft.
Darum zage nicht, Zager! Ewiglich hüllt nicht
das Grab.