[Des Leydens Maaß ist voll/ mein Heyland ist erblichen!]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Des Leydens Maaß ist voll mein Heyland ist erblichen!
Seht wie der holde Mund nach leztem Ruffen schweigt:
Wie durch des Speeres Stich das lezte Blutt entwichen
Wie sich das müde Haubt vom Creutz herunter neigt:
Die Glieder hangen welck die ausgespannten Sehnen
Erstarrt: Die fromme Schaar vergeust viel Todten-Thränen.
O Seele billig ists den Herren zu beweinen:
Das reinste Seelen-Blutt soll ihm geopffert seyn
Laß deine Lieb und Treu zu ihm noch ferner scheinen
Und seinen Leichnam nicht am Holtze mehr entweyhn:
Es bitt ihn Joseph loß so wirst du dich nicht schämen
Ihn von des Creutzes Stamm in deinen Arm zu nehmen.
Bringt Leitern her den Baum des Sieges zu besteigen
Daran der grosse Held im Tode triumphirt:
Diß ist die Seule die der Simson muste neigen
Des Dagons Schwarm verfällt wenn diese wird gerührt.
Zieht nun die Nägel aus und legt die bleichen Glieder
Zur Reinigung vom Blutt auff saubre Tücher nieder.
Wo find ich einen Ort bey diesen rauhen Klippen
Da man des Herren Leib gemächlich strecken kan?
Ach wehle meine Schoß! Ach nimm von meinen Lippen
Verstorbner Lebens-Herr den Kuß im Glauben an.
Laß mich dein Todten-Bild fest in mein Hertze drücken
Und mich in lezter Angst mit reichem Trost erquicken.
Ich kan dich nicht so bald aus meinen Armen geben;
Zwar ob dem Schmertzen-Bild erschauret mir die Haut.
Dein Haubt ist voller Blutt an dem die Haare kleben
Die Stirne gantz durchrizt die man verfallen schaut
Der Augen Glantz ist weg der Wangen Schein entwichen
Der süsse Mund gesperrt der Lippen Zier verblichen.
Die Hände sind durchbort die Füsse sind durchgraben
Der Rücken ist durchpflügt die Glieder ausgereckt
Als sie dir Arm und Bein an Pfahl gespannet haben
Der gantze Leib mit Blutt und Striemen überdeckt.
Wo find ich einen Ort an Schultern Lenden Rieben
Der frey von Striemen Blutt und Beul und Eiter blieben?
So warst du durch und durch biß an den Tod voll Schmertzen:
Voll Blutt doch aber auch voll heisser Liebes-Glutt.
Drauff sucht der scharffe Speer dir noch den Weg zum Hertzen
Und quillt für mich daraus die edle Doppel-Flutt:
Ich kan dich länger nicht in solchem Stande sehen
Du wirst die Thränen dich zu waschen nicht verschmähen.
Blutt schwizt ein todter Leib die Wunde wird gerüget
Wenn sie der Thäter rührt: O Sünder tritt herbey
Wo Jesus Gottes Sohn verblaßt erstarret lieget
So wird sich zeigen wer desselben Mörder sey.
Er schwizt für Liebe Blutt die er zu dir getragen
Und deine Missethat hat ihn ans Holtz geschlagen.
Rufft Abels Blutt zu Gott das Cain hat vergossen
Muß Zittern über ihm bey stetem Fliehen ruhn;
Nun dieses theure Blutt durch dich in Sand geflossen
Was soll sein Vater nicht an dir zur Rache thun?
Erkenne deine Schuld beweine dein Verbrechen
So wird diß edle Blutt für jenem besser sprechen.
Klagt dort das Bruder-Blutt so bittet diß um Gnade;
Des Herren erstes Wort am Creutz ist vom verzeyhn
Daß er das Juden-Volck und uns der Straff entlade
Das andre führt den Feind mit sich in Himmel ein.
Ergreiffe dieses Wort mit thränendem Gesichte
So wirst du loßgezählt für Gottes Blutt-Gerichte.
Diß Scele laß dir selbst wie andern seyn gesaget
Du bists für die der Herr in seiner Marter bat:
Wenn dich dein böses Thun für Gottes Stul betaget
So glaube daß er dich darvon erlöset hat;
Sprich: Da wo Jesus starb ist meine Schuld gestorben
Durch seine Wunden ward mir Gnad und Heyl erworben.
Nun Nicodemus kömmt und will dich Jesu fassen:
Es soll dich Aloe nebst Myrrhen hüllen ein.
Ich will dich nimmer doch aus Hertz und Sinne lassen
Du solt mein Schatz mein Trost mein Licht mein Leben seyn!
Geh zu der kurtzen Ruh erwecke dich bald wieder
Du bist des Lebens Haubt wir bleiben deine Glieder!