[Des Leydens Maaß ist voll/ mein Heyland ist erblichen!]

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Des Leydens Maaß ist voll mein Heyland ist erblichen!

Seht wie der holde Mund nach leztem Ruffen schweigt:

Wie durch des Speeres Stich das lezte Blutt entwichen

Wie sich das müde Haubt vom Creutz herunter neigt:

Die Glieder hangen welck die ausgespannten Sehnen

Erstarrt: Die fromme Schaar vergeust viel Todten-Thränen.

O Seele billig ists den Herren zu beweinen:

Das reinste Seelen-Blutt soll ihm geopffert seyn

Laß deine Lieb und Treu zu ihm noch ferner scheinen

Und seinen Leichnam nicht am Holtze mehr entweyhn:

Es bitt ihn Joseph loß so wirst du dich nicht schämen

Ihn von des Creutzes Stamm in deinen Arm zu nehmen.

Bringt Leitern her den Baum des Sieges zu besteigen

Daran der grosse Held im Tode triumphirt:

Diß ist die Seule die der Simson muste neigen

Des Dagons Schwarm verfällt wenn diese wird gerührt.

Zieht nun die Nägel aus und legt die bleichen Glieder

Zur Reinigung vom Blutt auff saubre Tücher nieder.

Wo find ich einen Ort bey diesen rauhen Klippen

Da man des Herren Leib gemächlich strecken kan?

Ach wehle meine Schoß! Ach nimm von meinen Lippen

Verstorbner Lebens-Herr den Kuß im Glauben an.

Laß mich dein Todten-Bild fest in mein Hertze drücken

Und mich in lezter Angst mit reichem Trost erquicken.

Ich kan dich nicht so bald aus meinen Armen geben;

Zwar ob dem Schmertzen-Bild erschauret mir die Haut.

Dein Haubt ist voller Blutt an dem die Haare kleben

Die Stirne gantz durchrizt die man verfallen schaut

Der Augen Glantz ist weg der Wangen Schein entwichen

Der süsse Mund gesperrt der Lippen Zier verblichen.

Die Hände sind durchbort die Füsse sind durchgraben

Der Rücken ist durchpflügt die Glieder ausgereckt

Als sie dir Arm und Bein an Pfahl gespannet haben

Der gantze Leib mit Blutt und Striemen überdeckt.

Wo find ich einen Ort an Schultern Lenden Rieben

Der frey von Striemen Blutt und Beul und Eiter blieben?

So warst du durch und durch biß an den Tod voll Schmertzen:

Voll Blutt doch aber auch voll heisser Liebes-Glutt.

Drauff sucht der scharffe Speer dir noch den Weg zum Hertzen

Und quillt für mich daraus die edle Doppel-Flutt:

Ich kan dich länger nicht in solchem Stande sehen

Du wirst die Thränen dich zu waschen nicht verschmähen.

Blutt schwizt ein todter Leib die Wunde wird gerüget

Wenn sie der Thäter rührt: O Sünder tritt herbey

Wo Jesus Gottes Sohn verblaßt erstarret lieget

So wird sich zeigen wer desselben Mörder sey.

Er schwizt für Liebe Blutt die er zu dir getragen

Und deine Missethat hat ihn ans Holtz geschlagen.

Rufft Abels Blutt zu Gott das Cain hat vergossen

Muß Zittern über ihm bey stetem Fliehen ruhn;

Nun dieses theure Blutt durch dich in Sand geflossen

Was soll sein Vater nicht an dir zur Rache thun?

Erkenne deine Schuld beweine dein Verbrechen

So wird diß edle Blutt für jenem besser sprechen.

Klagt dort das Bruder-Blutt so bittet diß um Gnade;

Des Herren erstes Wort am Creutz ist vom verzeyhn

Daß er das Juden-Volck und uns der Straff entlade

Das andre führt den Feind mit sich in Himmel ein.

Ergreiffe dieses Wort mit thränendem Gesichte

So wirst du loßgezählt für Gottes Blutt-Gerichte.

Diß Scele laß dir selbst wie andern seyn gesaget

Du bists für die der Herr in seiner Marter bat:

Wenn dich dein böses Thun für Gottes Stul betaget

So glaube daß er dich darvon erlöset hat;

Sprich: Da wo Jesus starb ist meine Schuld gestorben

Durch seine Wunden ward mir Gnad und Heyl erworben.

Nun Nicodemus kömmt und will dich Jesu fassen:

Es soll dich Aloe nebst Myrrhen hüllen ein.

Ich will dich nimmer doch aus Hertz und Sinne lassen

Du solt mein Schatz mein Trost mein Licht mein Leben seyn!

Geh zu der kurtzen Ruh erwecke dich bald wieder

Du bist des Lebens Haubt wir bleiben deine Glieder!