[Des Monden halb-erstorbnes Licht]
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Des Monden halb-erstorbnes Licht
Weist sein erblaßtes Angesicht
Durch trüber Wolcken finstre Decken.
Der Schatten tunckel brauner Nacht
Der Aug und Ohren irrend macht
Umgiebt den Erdenkreiß mit Schrecken.
Du liegst mein Freund in sanffter Ruh
Schleust die verliebten Augen zu
Kanst was du wilt im Traum umfassen.
Ich muß zu ungewohnter Zeit
An Leib und Geist voll Müdigkeit
Das kaum erwarmte Lager lassen.
Ich muß durch alles Ungemach
Das Wind und Winter ziehen nach
In unbekandter Gegend reisen
Wohin mich durch ein schlimmes Land
Des Welt-Beschreibers kühne Hand
Und theur-gekauffte Führer weisen.
Ich ändre täglich Kost und Heerd
Vertausche Wohnung Bett und Pferd
Nichts und doch alles ist mein eigen
Nichts ruhet an mir als der Mund
Dem offt den gantzen Tag vergunt
In stiller Einsamkeit zu schweigen.
Wo gehn wir izt mit gleichem Sinn
In zwey ungleiche Strassen hin
Die ich und du so offt gemessen?
Wo können wir izt unsrer Pein
Und Lust geheime Zeugen seyn
Zusammen schlaffen trincken essen?
Wer sieht uns wenn der Tag entsteht
Und Phöbus gegen Westen geht
Um Leydens schöne Stadt spatzieren?
Wer sieht uns in Vertrauligkeit
Auff nahen Gräntzen steten Streit
Und süssen Krieg zusammen führen?
Ach Hertze könnt ich bey dir seyn!
Doch weil der Himmel nicht stimmt ein
Mit meinem Wünschen und Verlangen
So lebe wohl-beglückt mein Kind
Biß mir die Vater-Erde günnt
Dich mit Vergnügen zu umfangen.
Indessen soll die Ewigkeit
In das Register grauer Zeit
Und an des Himmels Wände schreiben
Daß dir und deiner Brüderschafft
Biß ihn der blasse Tod wegrafft
Dein Damon treu und hold wird bleiben.