Des Musterknaben kläglich Lied

By Otto Julius Bierbaum

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Manchen Wein hab ich getrunken,

Manchem schönen Kinde bin

Ich verliebt ans Herz gesunken;

Jetzt geht alles nüchtern hin,

Abgezirkelt, abgemessen,

Und das ist des Liedes Sinn:

Ach, vergossen, ach, vergessen!

Dunkelroter Wein im Becher

Und ein weißer Busen bloß, –

Ein Verliebter und ein Zecher

War ich selig, war ich groß,

Ritt auf Rausches roten Rossen

Mitten in der Götter Schooß, –

Ach, vergessen, ach, vergossen!

Einsam geh ich nachts nach Hause,

Und mein Keller steht mir leer,

Das verworrene Gebrause,

Ach, mein Herz kennt es nicht mehr;

Tugend hat sich eingesessen,

Exemplarisch, würdig, schwer, –

Ach, vergossen, ach, vergessen!

Soll mich gar nichts mehr entzücken?

Soll ich ewig nüchtern sein?

Wehe Tugend, deinen Tücken,

Denn sie machen mir nur Pein;

Sauertöpfisch und verdrossen

Trag ich meinen Heiligenschein, –

Ach, vergessen, ach, vergossen!