Deutschlands Ehre

By Johann Gottfried Herder

Written 1793-01-01 - 1793-01-01

Welchen Helden und Mann des Vaterlandes

Willst Du singen, o Saitenspiel, das Orpheus

Einst in Hainen empfing? Ihm lauschten horchend

Felsen und Haine;

Ströme standen im Lauf; die Stürme senkten

Ihre Schwingen; die Eichen und der Eichen

Harte Kinder erstaunten seinem süßen,

Hohen Gesange.

Sing' ich Jenen zuerst, der Rom's gewalt'ge,

Strenge Bande zerriß? O traure, Deutschland!

Siegen konnte Dein Hermann, aber Deine

Siege nicht sichern.

Neid durchbohrte den Retter seines Volkes;

Den kein Römer bezwang, bezwangen Deutschlands

Fürsten. Trauriges Spiel! Sie drängten Heere

Ueber die Welt aus,

Bis von deutschem Gebein die Welt bedeckt lag,

Longobarden, Alanen, Gothen, Sueven;

Großer Dieterich, Du auch liegst begraben

Jenseit der Alpen!

Soll ich singen den Mann, der Deutschland würgte,

Oder taufete; den der Römerbischof,

Der den Bischof in Rom zum Herrn der Welt log?

Leyer, o nenne

Nicht den Franken und seines Stammes Keinen!

Laß die Inful ihn preisen, der sie schmückte.

Heinrich singe mein Lied! vom Vogelherde

Zog er zum Sieg aus,

Deutschlands Mauer und Deutschlands Städtestifter;

Er verachtete Roma's Zauberkrone,

Der sein ganzes Geschlecht erlag. Erliegen

Seh' ich der Kaiser

Mächt'ge Reihen. Der Arno, Po und Tiber

Strömt germanisches Blut; der Jordan wälzet

Deutsche Leichen – und Deutschlands Fürsten rauben

Unter einander.

Keinen nenne, mein Lied! Die Edlen nenne,

Die vom Baume der Weisheit uns einst Zweiglein

Brachten – Friederich, Dich, den Erst- und Zweiten!

Glänzende Sterne,

Warum sanket Ihr? Ach, warum erblaßte

Conradin? Das vergossne Blut der Edlen

Ruft gen Himmel und netzt den Römerpurpur,

Nimmer vertrocknend.

Gute Fürsten (o, wäre Fürstengüte

G'nug, zu retten die Welt!), Ihr Maximili-

ane, hinter den Geiern, zwo geliebte

Friedliche Tauben –

Leyer, singe sie nicht! Den Adler preise,

Der mit mächtigen Klau'n die Hyder faßte,

Luther singe der Welt, und vor und mit ihm

Viele verfolgte

Weisen! Süßer Melanchthon, Du vor Allen,

Du, der glühenden Sonne sanfter Folger,

In still wachsendem Glanz; so strahlet Luna

Unter den Sternen.

Eure Namen, die Ihr die Welt umfaßtet,

Eure Namen, Copernikus und Keppler,

Stehn am Himmel; und mit den zwei'n ein dritter

Güldener Name,

Leibnitz. Manche der Edeln möcht' ich nennen,

Lambert, Haller und Kleist und Nathan-Lessing,

Auch den Lebenden, der am Belt den Rand maß

Aller Gedanken.

Aber schweige, mein Lied, bis einst die Sonne

Neu aufglänzet; sie ging mit König Friedrich

Unter; singe Du dann den Mann und Helden

Neuer Geschlechter!

Der, wenn Jupiter hoch am Himmel donnert

Und mit Blitzen die Lüfte reinigt, unten,

Nur ein Hirte, regiert, der Menschenbrüder

Vater und Wächter.