Die andre Satyre. An den Herrn von Moliere. B. N.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Berühmt und seltner geist der wegen seiner gaben

Nicht weiß was ihrer viel für müh im dichten haben.

Für dem Apollo selbst muß seinen schatz ausstreu’n

Und der gar wohl versteht was gute verse seyn.

Erfahrner held in dem was witz und kunst ergründet

Moliere sage doch wie man die reimen findet.

Man schwüre wenn du wilst so lieffen sie dir nach;

So gar fließt ieder verß dir sonder ungemach.

Du darffst nicht allererst viel in gedancken träumen

Denn was dein mund nur spricht das sind schon lauter reimen:

Ich aber den der wahn und eine blinde macht

Zur straffe wie es scheint aus reimen hat gebracht

Bekenne daß ich mich oft nur umsonst erhitze.

Ich suche mehr als du; ich sinne denck und schwitze

Und spare weder früh noch abends meinen fleiß;

Doch sagt das hertze schwartz so spricht die dinte weiß.

Red’ in gedancken ich von einer hof-figure

So reimt mein feder-kiel darauff den abt von Pure.

Fehlt mir ein grosser mann und dichter in dem schluß

So spricht der reim Kainant an statt Virgilius.

Mit einem wort’: ich mag mich hin und her bewegen

So laufft mir dennoch stets das widerspiel entgegen.

Weil ich mit aller müh nun nichts ersinnen kan

So denck’ ich weiter nicht für schmertz und eifer dran

Verfluche mit verdruß die geister die mich treiben

Und schwere tausendmahl nicht mehr ein wort zu schreiben.

Doch wenn ich lange zeit den Musen-gott verflucht

So find ich offt den reim wo ich ihn nicht gesucht.

Alsbald durchdringt die glut vom neuen meine glieder:

Ich nehme doch mit zwang papier und dinte wieder

Vergesse meinen eyd und warte sonder ziel

Biß wieder nach und nach ein verßchen kommen will.

Ach wäre doch mein geist nur nicht so undescheiden

Und könte wenigstens ein hartes beywort leiden;

So wär ich auch vielleicht wie andre wörter-reich;

Denn alles gülte mir alsdenn im reimen gleich.

Rennt ich die Rosilis der erden lust und wonne

So setzt’ ich gleich darauff: schön wie die liebe sonne.

Erhüb’ ich aber gar in versen einen held

So spräch ich augenblicks das wunder dieser welt.

Und also dürfft ich nur von lauter wunder-dingen

Von himmel stern und licht und seltner schönheit singen:

Und wenn ich nur fein offt so stoltze wörter-pracht

Hätt’ ohne müh und kunst im dichten angebracht;

Ja wann ich noch dazu der syllben thon verletzte

Und bald ein wörtgen hier das andre dahin setzte

So könten träff es gleich auch nur in stücken ein

Doch meine verse leicht Malherbens ähnlich seyn.

So aber will mein geist sich leider! nicht bequemen

Er mag zum schlusse nichts als was sich schicket nehmen

Und kan unmöglich sehn daß meine redens-art

Sich mit der zeile bloß des reimes wegen paart.

Wenn er vier worte sagt läst er nur eines bleiben;

So daß ich offt mein werck muß zwantzig mahl umschreiben.

Verflucht sey doch der mann der bloß aus unbedacht

Die ersten regeln hat im reimen auffgebracht:

Der seiner reden krafft in zahlen eingeschräncket

Und sie nebst der vernunfft in solche noth versencket!

Wär dieses handwerck nicht was hätt’ ich für gewinn?

Die tage lieffen mir voll süsser stunden hin:

Ich dürffte nichts mehr thun als singen trincken lachen

Und wie ein thumherr mich nach willen lustig machen.

Ich könte ruhig seyn bey zeiten schlaffen gehn

Bey tage müßig seyn und ohne sorgen stehn.

Und weil mein hertz ohndem zum grame sich nicht schicket

Ein feind der mißgunst ist die ehrsucht niederdrücket

Die stoltze gegenwart der grossen herren scheut

Und der Fortuna nicht im Louvre weyrauch streut.

Wie glücklich wär ich doch wenn meine ruh zu stören

Nur das verhängniß mich nicht hätte reimen lehren.

Allein seit dem der wahn den diese pest gebiehrt

Durch seinen nabel mir die sinnen hat gerührt

Und ein verdammter geist bloß seinen spott zu treiben

Mich auf den schluß gebracht recht wohl und rein zu schreiben;

So sitz ich tag für tag bey einem wercke still

Verändre diß und das was sich nicht reimen will:

Flick’ an und streiche weg und heb offt an zu fluchen

Daß mich die Musen nicht wie Pelletieren suchen.

Beglückter Scuderi! du schwitzest nicht wie wir

Und bringest monatlich ein neues werck herfür.

Zwar deine schrifften sind nichts als gemeine lieder

Ohn arbeit ohne kunst und der vernunfft zuwider:

Allein sie treffen doch was man auch sagen kan

Viel narren zum verkauff und auch zum lesen an.

Und endlich wenn der reim am ende richtig klinget

Was ist es denn nun mehr ob der verstand sich zwinget?

Der ist in warheit wohl rechtschaffen arm und blind

Der seinen freyen geist an kunst und regeln bind’t.

Ein narr hat tausendmahl mehr lust in seinem dichten

Er darff sich wenn er reimt nach keinen wörtern richten

Liebt alles was er macht und bildet selbst ihm ein

Daß er und seine schrifft die grösten wunder seyn.

Allein ein hoher geist sucht nur umsonst auff erden

In dieser schweren kunst vollkommen klug zu werden.

Er ist stets mißvergnügt ob dem was er verricht

Gefället aller welt nur bloß ihm selber nicht;

Und da ein ieder mensch ihn preisen muß und lieben

Wünscht er zu seiner ruh: er hätte nichts geschrieben.

Drum bitt ich nochmahls dich du fürst der dichterey

Moliere bringe mir die kunst zu reimen bey:

Ist aber dieses dir unmöglich mir zu zeigen

So lehre mich die kunst im reimen gar zu schweigen.