Die angenehme Wüsteney St. Amants

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Wiewohl schlägt mir die öde Gegend zu!

Diß brauner Nacht geweyhte Feld

Entfernet vom Geschrey der Welt

Ist meiner Unruh süsse Ruh:

Diß Thal darinn ich mich verborgen

Ist ein Begräbnis meiner Sorgen.

Mein Auge schaut hier mit Vergnügen an

Der dick belaubten Bäume Schaar

Darvon so mancher gleiche Jahr

Mit Welt und Erde zählen kan

Den seiner Faunen Gunst bewahret

Und diß auff diese Zeit gesparet.

Die frische Lufft spielt um ihr stoltzes Haubt

Und Zephyr küst sie Tag und Nacht

Nichts als der hohe Wipffel macht

Ihr greises Alterthum beglaubt:

Wie sie den ersten Tag geschienen

So sieht man sie noch heute grünen.

Hier ists wo mir in stiller Einsamkeit

Das Schatten-Kind die Nachtigall

Mit ihrer süssen Stimme Schall

Vertreibt so manche schwere Zeit

Wo sie den Lüfften saget wieder

Den Inhalt meiner Trauer-Lieder.

Hier wird von mir mit höchster Lust geschaut

Wie auff den Felsen dar und hier

Umklettert manch verwegnes Thier

Wie die Natur so kühn gebaut

Und offt so schlechten Grund offt keinen

Gegeben hat den schweren Steinen.

Hier schau ich wie die Silber-helle Bach

Dort von dem hohen Berge fliest

Und dieses grüne Thal begiest

Da geh ich ihrem Ufer nach

Und seh die gläntzenden Forellen

Aus ihren frischen Steinen quellen.

Hier bild ich mir die schöne Gegend ein

Die man der Musen Wohnung hieß

Wo ieder Tropffen ieder Kieß

Crystall und Perle muste seyn

Wo man nichts auff beblümten Auen

Als Edelsteine konte schauen.

Wiewohl gefällt mir dieser stille See

Um den so mancher Erlen-Baum

Bey Weyd und Ilme nimmet Raum

Der nie kein scharffer Stal thät weh:

Wo unter den begrünten Hecken

So manche Feder-Kinder stecken.

Hier siehet man wie in der Nimphen Hand

Sich die geflochtne Semde biegt

Wie die zerstreute Kolbe fliegt

Um den beschilfften Wasser-Rand

Wie sich die Frösch am Lande sönnen

Und in der Flutt verbergen können.

Bald schliest aus Furcht die feuchte Schneck ihr Thor

Bald offnet sie ihr Muschel-Hauß

Die Ganß pflückt ihre Federn aus

Der Taucher sinckt und schwebt empor;

Man sieht wie Schnepff- und Wasser-Hennen

Auch in der Flutt vor Liebe brennen.

Hier finden Aahr und Reiger ihre Kost

Dort schluckt der Hecht den Weißfisch ein

Hier pflegt der schlaue Fuchs zu seyn

Der Fischen schäzt für seine Lust

Dort siehet man den glatten Otter

Sich mühen um sein schuppicht Futter.

Kein Kahn noch Karn kam ie der Gegend bey

Kein Wandersmann von Durst geplagt

Kein Reh von Hunden auffgejagt

Sucht ob ihm hier zu helffen sey;

Kein Angel giebt Verräthers-weise

Den Fischen Stal und Tod zur Speise.

Da weiset sich verlebter Mauren Pracht

Ein Thurn der hundert Ritze kriegt

Und mehr als halb zu Boden liegt

Ein Schloß das wüst und unbedacht

Auff ungewissen Pfeilern schwebet

In eigner Asche sich begräbet.

Was bleibet nur von Tod und Zeit verschont?

Was stoltzer Herren Lust-Sitz war

Muß eh verlauffen tausend Jahr

Von Schlang- und Ottern seyn bewohnt

Muß seyn ein Auffenthalt der Eulen

Ein Ort wo Wölff und Bären heulen.

Dem Raben dient das Schlaffgemach

Ein Rittelweib bemahlt die Wand

Im Saale zu der rechten Hand

Hält Her und Unhold ihr Gelag;

Wer sieht durch die gebrochnen Fenster

Als schwartze Geister und Gespenster?

Die Eiche steht wo sie vor diesem lag

Die Birck ein ander Phönix grünt

Wo sie zu Feuer vor gedient:

Wo Roßmarin zu blühen pflag

Wo Reb und Rose war zu finden

Sieht man sich Dorn in Dornen winden.

Die Schnecke kriecht die bunte Kröte quarrt

Wo vor die Wendelstiege stund

Der hohe Sparn der tieffe Grund

Liegt izt zusammen eingescharrt

Manch Brett das vor bedielt den Söller

Steckt in dem Wasser-vollem Keller.

Da stehet noch in harten Stein gehauen

Ein Denckspruch von der alten Zeit

Da kan man deutscher Redligkeit

Ein Bild in treuen Ziffern schauen

Da kan man in der Bäume Rinden

Noch halb-verweste Wörter finden.

Dort zeiget sich ein Hauß ohn Art und Stal

Gezimmert in den holen Berg

Ein unterirdisch Wunderwerck

Ein Schloß ohn Stütze Dach und Pfahl

Ein Ort befreyt von Sturm und Winden

Den Phöbus selbst nicht weiß zu finden.

Der Schlaff schliest hier die schweren Augen zu

Ein stilles Schweigen wiegt ihn ein

Die Erde muß sein Bette seyn

Auff dem er nimmt die sanffte Ruh

Der feuchte Moß sein Schulter-Küssen

Vergnügung liegt zu seinen Füssen.

In dieser Höl an dieser kühlen statt

Klagt Echo die ohn Ende brennt

Wie sich Narciß von ihr entwendt

Und keine Brunst empfunden hat:

Hier ists wo wir die Wette klagen

Und uns um Rath zusammen fragen.

O süsser Ort wiewohl schlägst du mir zu

O angenehme Einsamkeit!

Ach daß ich könt auff Lebens-Zeit

Bey dir genüssen stoltzer Ruh

Und meine Lieb und Treu ausschreyen

In deinen öden Wüsteneyen.