Die Arbeiter an ihre Brüder

By Georg Herwegh

Written 1866-01-01 - 1866-01-01

Wir schüren in den Essen

Die Feuer Tag und Nacht,

Am Webstuhl, an den Pressen

Steht unsre Friedenswacht.

Wir schürfen in dem Qualme

Der Gruben nach Metall,

Den Segen goldner Halme

Dankt uns der Erdenball.

Doch wenn das Korn gedroschen,

Dann heißt es: Stroh als Lohn,

Dann heißt's: für uns den Groschen,

Den Taler dem Patron.

Dann heißt's: für uns den Schragen,

Das weiche Bett dem Gauch!

Dann heißt's: Nichts in den Magen

Und Kugeln in den Bauch!

Vergebens aus der Tiefe

Steigt der Beraubten Chor,

Mit seinem Vollmachtsbriefe

Ans Glück, zum Licht empor.

Was hilft es, daß wir trotzen,

Solang noch mordbereit

Ihr gegen uns den Protzen

Die starken Arme leiht?

O weh, daß ihr im Bunde

Mit ihnen uns verließt

Und daß ihr uns wie Hunde

Auf ihr Geheiß erschießt!

Ach, wenn sie euch nicht hätten,

Wär alles wohlbestellt;

Auf euren Bajonetten

Ruht die verkehrte Welt.

An euren Bajonetten

Klebt aller Zeiten Fluch;

Wir trügen keine Ketten,

Trügt ihr kein buntes Tuch;

Wir brauchten nicht zu fronen

Für Sultan und Vezier,

Nicht länger für die Drohnen

Zu darben brauchten wir.

Wir hätten nicht zu beben

Vor Pascha oder Scheik

Und könnten bald erleben

Den großen Fürstenstreik.

Durch euch sind wir verraten,

Durch euch verkauft allein:

Wann stellt ihr, o Soldaten,

Die Arbeit endlich ein?