Die betrachtenswürdige Korn-Aehre ein Zeuge göttlicher Weisheit

By Johann Justus Ebeling

Wenn ich der Aehren lieblich Wallen,

Auf den gereiften Feldern seh,

Wie sie hier wanken, da sanft fallen

Wie sie sich lenken in die Höh;

So sehe ich auf den Gefilden,

Ein ausgebreitet Seegens-Meer,

Und solche trokne Wellen bilden,

Darin sich spiegelt

Woraus die Wundergüte quillet,

Die unser Herz mit Lust erfüllet:

Wenn auf den schlanken, regen Röhren,

Die Häupter die von Korn gedrükt,

Von Wind bewegt, zu Boden kehren;

So scheints als wenn sich jede bükt;

Als wenn sie bei dem Niedersinken,

Die Menschen, die vorüber gehn,

Mit ihren Zeigefinger winken,

Die Erden-Mutter anzusehn,

Woraus sie mit dem Korn entspriessen,

Das Menschen theils und Vieh geniessen.

Sie zeigen uns den Schoos der Erden,

Daraus ihr Halm, das Fülle-Horn,

Und sie zugleich gebohren werden,

Mit ihren nährnden Wunderkorn:

Damit wir aber nicht gedächten,

Als wenn sie aus der Erd allein,

Die Seegensreiche Nahrung brächten;

So richten sie sich insgemein,

Mit ihren wallenden Gewimmel,

Auch wiederum gesteift zum Himmel.

Sie lehren mit gestrekten Spizzen,

Vom Himmel stamme ihr Gedein;

Der Höchsten Obhut ihr Beschüzzen,

Muß ihnen stat des Schirmdachs seyn.

Der Einflus von des Himmels Milde,

Der Wolken Thau und Regen-Guß,

Bekröne sie auf dem Gefilde

Mit Seegensreichen Ueberflus;

Und aus der Sonn, des Lichtes Bronnen,

Sey ihre Treibekraft geronnen.

Sie zeugen von dem höchsten Wesen,

Der sie und alle Ding gemacht,

Und geben uns auch klar zu lesen,

Daß der sie nur herfürgebracht,

Der weise sey in seinem Walten,

Der alles künstlich auferbaut,

Der klüglich sey in den Anstalten,

Die seine Vorsicht überschaut:

Und aus dem ersten zubereiten,

Gewust den Entzwek herzuleiten.

Wie herrlich ist der Bau der Aehren,

Wie weislich ihre Einrichtung!

Ein Blik, der kan uns dieses lehren,

Zur heiligen Verwunderung.

Wie schön ist dieses Kunstgehäuse,

Aus zarten Hülsen-Stof formirt,

Und nach der Baukunst weiser Weise,

In netter Ordnung aufgeführt,

Da sich die Körner in den Ekken,

Als wie in ein Futtral verstekken.

Es passet alles Schicht auf Schichte,

Wo ein Korn übern andern stekt,

Daß uns das süsse Meel-Gerichte

In seinen Hülsen Schlauch verdekt

Sie sind nach unserm Maas der Augen,

In gleicher Lage eingesenkt,

Wie weislich? das muß dazu taugen

Daß wenn der Halm die Aehre tränkt,

So faßt das Korn zu gleicher Grösse,

In jeder Reihe seine Nässe.

Wie wunderbarlich sind die Schachte,

Darin das Korn verwahret liegt;

Wenn ich durchs Fernglas dies betrachte;

So wird darob mein Geist vergnügt.

Es lieget gleichsam eingewunden,

Mit weichen Dekken überspannt,

Wie weise ist das ausgefunden,

So bleibt es frei vor Sonn und Brand,

Vor starker Luft, und Feuchtigkeiten,

Die wieder seinen Wachsthum streiten.

Und könnten die gestrahlten Blizze

Der Sonn, ein Korn zu stark berührn;

So würd es bei der dürren Hizze,

Gar allen frischen Saft verliern,

So würd es ganz und gar versengen,

In dieser innerlichen Glut.

Und könnte in die Hölen drengen,

Der Regentropfen feuchte Flut,

So würd es nicht die Näß ertragen,

Vielmehr verfaulen, und ausschlagen.

Die schön gebauten Aehren Cellen,

Die Vorrathskammern ewger Güt,

Die sind gleichsam verschanzt mit Wällen,

Davor der Räuber Heer entflieht.

Es sind theils lang, theils kurze Spizzen,

Die vor der Raupen giergen Wuth,

Die Körner in den Aehren schüzzen,

Und will der Würmer rege Brut,

Den Kopf nach einem Korn ausstrekken,

So muß sie gegen Stachel lekken.

Dies zeigt des Schöpfers weises Fügen,

Der so viel Wunder aufgestellt,

Die uns theils nüzzen, theils vergnügen,

Die er recht wunderbar erhält.

Ach! möchten uns die vielen Aehren,

Stat vieler tausend Zungen seyn,

Die uns ermuntern den zu ehren,

Der seiner Weisheit hellen Schein,

Am Himmel, auf der Erd gewiesen;

So würde

O! GOtt du bist ein weiser Meister,

Der alle Dinge woll gemacht,

Die in der Welt der selgen Geister,

Und hier bei uns herfürgebracht.

Wohin wir nur hinsehn und blikken,

Da bringt uns deiner Hände Werk

In ein verwunderndes Entzükken;

Wohin wir unser Augenmerk,

Jm Reiche der Natur hinwenden,

Sind Wunder da, von deinen Händen.

Laß mich an denen Kreaturen,

Die uns der Felder Schanplaz zeigt,

Bemerken deiner Weisheits Spuren,

Der Güte die uns ist geneigt.

Sehr weislich hast du uns bescheret,

Das Korn zu unsern Nahrungsbrodt;

Und uns mit Ueberflus ernähret,

Bewahrt vor dürrer Hungersnoth.

O! möchten wir in unsern Dingen,

Auch alles weislich vollenbringen.