Die Bewegung der Sternen

By Barthold Heinrich Brockes

Written 1713-01-01 - 1713-01-01

Indem ich jüngst, zur Abend-Zeit im Dunckeln

Der flammenden Gestirn' ergetzlich helles Funckeln,

Womit das tiefe Blau des Firmaments sich schmückte,

Mit inniglich gerührter Seel', erblickte;

Erfüllete mein reges Blut

Dieß Himmels-Feur mit einer Himmels-Gluht.

Ich dachte nicht allein

Derselben leuchten, strahlen, brennen

Mit froher Anmuth nach; es drang der rege Schein

Und dieser grossen Cörper Rennen,

Ihr feurigs unaufhörlichs Regen,

Ihr unbegreiflich schnell Bewegen,

Mit welchem sie nie stille stehn,

Seit dem sie GOTT erschuff, in meine Seel' hinein.

Ich stellte gantz erstaunet mir,

Voll Schrecken halb, halb voll Vergnügen,

Des Himmels rege Cörper für.

Ihr so entsetzlich schnelles Fliegen:

Und dachte: Sollt' ein Mensch nur eine Viertel-Stunde

In diesem Grentzen-losen Meere

Der Tiefen, die unendlich, sehn,

Wie Flammen-reich der Himmels-Cörper Heere

Daselbst so schrecklich schnell hell durch einander gehn;

Wie alles sonder Ruh, und doch in Ordnung schwebe,

Wie so viel Welte sich in solcher Eile lencken,

Und wirbelnd durch einander schwencken;

Unmöglich könnt' er anders dencken,

Als daß der gantze Himmel lebe.

Fast halb entzückt durch die verhimmelnden Gedancken

Zieht gleichsam sich mein Geist aus seines Cörpers Schrancken,

Und wagt es, sich mit allem Dencken

Ins tiefen Himmels tiefste Tiefe,

So tief ihm möglich, einzusencken.

Jetzt bin ich da. Mein Gott! welch eine Schaar

Von leuchtenden Planeten, welche sich

So lieblich hell, als schnell und fürchterlich,

Bewegen, drehn, und ohn' verweilen,

Wie Blitze, durch einander eilen,

Wird mein erstaunter Geist gewahr!

Welch ein entsetzlich grosses Gantz,

Gefügt von Strahlen, Licht und Glantz,

Stellt meiner Seelen Blick sich dar!

O Gott! wie wird, bey solcher regen Gluht,

Mir doch zu Muth!

Ob diesen herrlichen Ideen,

Die mir hiebey in meiner Seel' entstehen,

Und die ich selbst nicht fassen kann,

Tritt mich ein Seelen-Schwindel an.

Der Geist, samt aller Kraft, wird gleichsam hier verschlungen,

Mein Dencken mit wird ümgeschwungen.

O Gott! wo ist von Deiner Macht

Im gantzen Reiche der Natur

Ein mehr beweisender Beweis? was zeigt die Pracht

Und deine Majestät doch herrlicher?

Wo weist in seinem Werck der wahre Schaaren-Herr

Sich prächtiger und würdiger?

Und dennoch kommt dieß alles mir,

Wenn ich sein' Allmacht überlege,

Und, bey der Creatur, den Schöpfer selbst erwege,

Nicht anders für:

(Indem ein Diamant aus viel polirten Spitzen

Viel Lichter lässt auf einmahl blitzen)

Als wär' der gantze Raum voll Glantz, ein Diamant

An unsers Schöpfers Allmachts-Hand.