Die bey einem, durch viele anmuhtige Vorwürfe, erregten Vergnügen entstandene un...

By Barthold Heinrich Brockes

Nachdem aus Hamburg meine Kinder, mich zu besu-

chen, kommen waren,

Und sie ein kleines Enkelchen von noch nicht völligen zwo

Jahren,

So ich noch nie gesehn, mir zeigten, an dessen lieblichen

Gestalt

Und munterm Geist ich mich ergetzte;

Indem er jeden alsobald,

Der ihn sah’, in Verwundrung setzte.

Ein nie annoch gefühlt Vergnügen fing mein Geblüt an

zu durchdringen.

Ich setzte mich, sein kindisch Gaukeln, sein schnell Ge-

hüpf, sein stolpernd Gehn,

Mit frohen Blicken, anzusehn,

Und sein mit Lächeln stets begleitet, schon klug, noch stamm-

lendes Getön

Und halbe Wörter anzuhören. Inzwischen fing, mit hel-

lem Singen,

Ein Paar von meinen Kindern an, beym lieblich klingen-

den Clavier,

Mit einer Flöten Ton begleitet, in einem schönen

mir,

Aus unsers grossen Hendels Stücken, ein liebliches Con-

cert zu bringen.

Noch mehr, mir ward, von bunten Bluhmen, ein’ ausser-

ordentliche Pracht,

Die eben erst aus Hamburg kommen, in einer Schüssel

hergebracht,

Wovon der bunte Blitz nicht minder, als wie der liebliche

Gesang

Durchs Ohr, mir durch die frohen Augen, in mein ge-

rührtes Herze drang.

Der Geist war, durch den frommen Inhalt der Wörter,

die ich beygefüget,

Dem Schöpfer der Natur zu Ehren, dabey nicht weniger

vergnüget.

Indem man nun zu gleicher Zeit, als ich die Anmuht

überdachte,

Ein volles angezündet Pfeifchen von rauchendem Toback

mir brachte,

Vermehrt’ es annoch mein Vergnügen. Ich sah’, beym

schmatzenden Gebrauch,

Den stets in regen Cirkelchen sich wirbelnden und dreh’n-

den Rauch

Vergnüglich an. Allein dieß rege, veränderlich- und

flücht'ge Schweben

Fing an, ganz andere Gedanken, bey meinen Freuden,

mir zu geben.

Ich dachte: Dieser rege Rauch, ein Sinnbild unsrer Le-

bens-Zeit,

Beweis’t mir, so wie aller Dinge, auch meiner Anmuht

Flüchtigkeit:

Wie bald verwelkt der Bluhmen Pracht!

Wie schnell vergehen Ton und Schall!

Leicht wird, durch einen Trauer-Fall,

Das, was uns lieb, zur Gruft gebracht.

Jtzt sitz ich mitten im Vergnügen; allein wie schnell kann

es geschehen,

Daß von der Anmuht, die mich rühret, wir Wechsel und

Verändrung sehen!

Ja wenn ich auch so glücklich wär’, sie Jahren-lang noch

zu behalten;

So würden wir, und ich zumahl, in nicht gar langer

Zeit veralten,

Und, wo sie mich nicht, ich doch sie, verlieren müssen.

Dieses Denken.

Fing an, recht mitten in der Lust, in Traurigkeit mich zu

versenken,

So, daß sogar die helle Stimme, das angenehmste Sai-

ten-Spiel,

Vom ersten Reiz sehr viel verlohr, und mir viel weniger

gefiel.

Allein der schwarze Gram verschwand, so bald ich mich

nur recht besann;

Es stimmten meine Kinder eben von ungefehr dieß Lied-

chen an:

Es ist nur dieß ein wahres Leben,

Auf alle Schönheit Achtung geben

In der durch GOtt geschmückten Welt.

Was Seine Lieb’ uns wollen zeigen,

Wird uns, nur bloß im Denken, eigen,

Und Jhm gefällt, wenns uns gefällt.

Laßt uns, dem Schöpfer denn zu Ehren,

Mit Anmuht hören, was wir hören,

Mit Freuden sehen, was wir sehn!

Wir wollen Seiner Liebe Willen

In unsrer Einsamkeit erfüllen,

Und Jhn, in unsrer Lust, erhöhn.

Das Denken: Daß wir alle Gaben

Von einer nie veränderten, unwandelbaren Gottheit

haben,

Vereinet gleichsam meine Seele mit Seiner Unvergäng-

lichkeit

Und fügt sie in gewisser Maasse, trotz der Verändrung

dieser Zeit,

An Seine Dau’r, als ihren Ursprung. Die nicht ver-

änderliche Triebe

Von der Selbständig- brünstigen, unwandelbaren ew’gen

Liebe

Bestärkten meine Zuversicht, so, daß ich, voll Vertrauen,

schliesse:

“wenn ich auch gleich die ird’schen Lüste in gleicher Ord-

nung nicht geniesse,

„da alles hier veränderlich; so wird es dennoch meiner

Seelen,

„bey ihres Ursprungs ew’ger Dau’r, an einer ew’gen Lust

nicht fehlen.