Die Blattern oder Kinder-Pocken

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Ihr Kinder schnöder Eitelkeit

Die ihr mit theuren Steinen pranget

Was eine Muschel zubereit

Aus weit-entfernter See verlanget

Kommt seht die Perlen und Rubinen

Die mir itzund zum Schmucke dienen.

Ihr die ihr eurer Farbe traut

Und auff ein Fleckgen zweyer Hände

Das Schloß der stoltzen Hoffart baut

Vergoldt das Dach bemahlt die Wände

Seht den Zinnober und die Kreyde

Darein ich meine Wangen kleide.

Ihr die ihr vor des Spiegels Eyß

Den Mund in seine Falten richtet

Und wie euch der zu rathen weiß

Das Auge nachzuthun verpflichtet

Kommt seht hier könt ihr in Geberden

Und Blicken unterrichtet werden.

Ihr die ihr Oel und Bisam braucht

Zibeth und Balsam an euch schmieret

Um die ein Staub von Zypern raucht

Der Mosch und Ambra mit sich führet

Kommt her zu meinem Krancken-Bette

Und riechet mit mir in die Wette.

Ihr die ihr Sammt und Seide kaufft

Der Glieder Blöße zu verhüllen

Nach Gold-gewürckten Zeugen laufft

Die Neu- und Ehrsucht zu bestillen

Kommt seht die ausgestückte Decke

Darein ich meinen Leib verstecke.

Ihr die ihr noch mit guttem Mutt

Und ungekränckten Gliedern prahlet

Bey denen noch ein frisches Blutt

Die unbenarbten Wangen mahlet

Seht mich mit Blattern angefüllet

Aus denen Stanck und Fäulnis quillet.

Der Schnee der vormahls zarten Haut

Ist von den Wangen weg gewichen

Die Glutt die man mich brennen schaut

Hat sie mit Purpur angestrichen

Die Stirne starrt von Edelsteinen

Durch welche Blutt und Eyter scheinen.

Mein mattes Haupt hängt nach der Seit

Und krümmt den Mund ob seinen Plagen

Der Fuß voll schwacher Müdigkeit

Kan nicht den magern Leib mehr tragen

Der fast verschlossnen Augen Kertzen

Bethränen rinnend meine Schmertzen.

Diß ist der Sünden Liberey

Die ich an meinen Gliedern führe:

Vielleicht kömmt bald die Zeit herbey

Die euch nach gleicher Art beziere

Den stoltz-gesinnten Hochmutt lege

Des Todes Bildnis in euch präge.