Die Blumen an Sie

By Clemens Brentano

Written 1834-01-01 - 1834-01-01

Als Sonnenfeuer sprühte

Und heiß der Sommer glühte

Und süß die Linde blühte

Und lieb die Turtel girrte,

Und licht der Glühwurm schwirrte

Sprach sterbend zu der Mirte

Das letzte Licht der Lilie:

„Geh mit der Leidfamilie,

Und heiß willkommen Emilie,

Drum stehen hier gleich Kerzen

Wir Blumen, stumme Schmerzen

Aus einem kranken Herzen

Und flehen um das Leben.

In unsern Kelchen beben,

Auf unsern Sternen schweben

Unsäglich tiefe Leiden,

Doch sind wir still bescheiden,

O laß uns dir zur Seiten

Ganz linde und gelassen

Verblühen und verblassen,

O Jesus! ohne Hassen!

O Jesus! ohne Höhnen!

O Jesus! dich verschönen,

In dem wir uns versöhnen!

Der uns hat hergesendet,

Der hat ja bald vollendet,

Doch wir sind nicht verschwendet,

Wir stehen auf dem Grabe

Gleich einer Tränengabe,

Gleich einem schwachen Stabe

Des armen Tränenblinden,

Sein' Ruheort zu finden,

Den letzten Kranz zu winden,

Zu Füßen einer Linden

Dem, der bald überwunden

Verblutend unverbunden

An tiefen, tiefen Wunden

Drum laß in stummen Wehen

Uns leis bei dir vergehen,

Es giebt ein Untergehen,

Es giebt ein Auferstehen,

Es giebt ein Wiedersehen,

Da wirst du uns verstehen!“

Amen!