Die Brautnacht

By Wilhelm Müller

Written 1810-01-01 - 1810-01-01

Es hat geflammt die ganze Nacht

Am hohen Himmelsbogen,

Wie eines Feuerspieles Pracht

Hat es die Luft durchflogen.

Und nieder sank es tief und schwer

Mit ahnungsvoller Schwüle,

Ein dumpfes Rollen zog daher

Und sprach von ferner Kühle.

Da fielen Tropfen warm und mild,

Wie lang' erstickte Thränen;

Die Erde trank, doch ungestillt

Blieb noch ihr heißes Sehnen.

Und sieh, der Morgen steigt empor –

Welch Wunder ist geschehen?

In ihrem vollen Blüthenflor

Seh' ich die Erde stehen.

O Wunder, wer hat das vollbracht?

Der Knospen spröde Hülle

Wer brach sie auf in einer Nacht

Zu solcher Liebesfülle?

O still, o still, und merket doch

Der Blüthen scheues Bangen!

Ein rother Schauer zittert noch

Um ihre frischen Wangen.

O still, und fragt den Bräutigam,

Den Lenz, den kühnen Freier,

Der diese Nacht zur Erde kam,

Nach ihrer Hochzeitfeier.