Die Butterhenne

By Wilhelm Busch

Written 1870-01-01 - 1870-01-01

Das wäre also auch mißraten.

Doch ist's noch Zeit zu neuen Taten. –

Hierauf bezüglich, mit Gefühl,

Sprach Herr Adjunktus Klingebühl:

„Geliebte! So wie ich erachte,

Indem ich diesen Fall betrachte,

Bedenke, prüfe, überlege

Und mit Bedachtsamkeit erwäge –

So ist gewiß für treue Liebe

Und sonsten eingepflanzte Triebe

Das schönste Beispiel, so ich kenne,

Das Mutterhuhn, genannt die Henne. –

Ich weiß nicht, ob Ihr dieses wißt – –“

„Ja ja“ – rief jeder – „ja, so is't!!“

„– – – – Nun wohl!

So lasse man, als ein Symbol,

Durch unsern Bäcker und Konditer –

Ich meine hier Herrn Knickebieter –

Aus Butter und dergleichen Sachen

Ein Ebenbild der Henne machen.“ –

„Ja ja“ – rief jeder laut und froh –

„Ja ja! man to! Ja ja! man to!!“

Bald ist im Dorfe weit und breit

Manch treues Weib in Tätigkeit,

Die Butter durch ein rastlos Wälzen

Und Kneten innig zu verschmelzen.

Und alle diese schöne Butter

Legt freudig Tochter oder Mutter

Als eine tiefempfundne Spende

In Knickebieters Künstlerhände.

Mit Freuden tut er sie begucken

Und denkt: „Das ist ein schöner Hucken!“

Sogleich, nachdem er sich geschneuzt,

Wird er zum Schaffen angereizt.

„Sieh, sieh! Da ist ja eine bei,

Die innen voll Kartoffelbrei.

Oh!“ – sprach er – „Oh, du alter Schlinkel!

Die ist gewiß von Krischan Stinkel!!“

Zuerst mit großem Vorbedacht

Wird Kopf und Leib und Schwanz gemacht.

Die Augen macht man mit dem Daumen

Vermittelst zwo gedörrter Pflaumen.

Als Schnabel wird die rote Rüben

Zweckmäßig in den Kopf getrieben.

Nun wirft man mit geheimer Wonne

Den Überrest in seine Tonne.

Nicht übel! Nur erscheint mir bloß

Das ganze Bildnis etwas groß.

Noch mal gemacht! – Und zwei Rosinen

Die können auch als Augen dienen.

Und, da das Ganze ein Symbol,

So kann's nicht schaden, wenn es hohl.

Und wieder mit geheimer Wonne

Wirft er, was übrig, in die Tonne.

Er steht und sieht sein Werk von ferne

Und spricht: „Na, so hab ich dich gerne!“

Er schafft die Tonne fort verstohlen.

Man kommt, die Glucke abzuholen.

„Willkommen! Eure Meinung, bitt ich!“

„Gott ja! Man bloß 'n beten lüttich!“

Der Wagen steht und wartet schon. –

Der Bürgermeister in Person

Wird dieses Mal und zwar allein

Der Fest- und Ehrenbote sein.

Bei jedem ist die Freude groß,

Denn gleich geht die Geschichte los.

Und jeder ruft: „Wi wünschet Glücke!“ –

Den Gaul umschwirrt die Stachelmücke.

„Oha!“ – schrie alles voller Not –

„Herrgott! He sit de Klucken dot!“

Er sitzt am Boden sehr erschreckt.

Das Festgeschenk ist fast verdeckt.

Du liebe Zeit! Welch ein Malör!

Man kennt das schöne Bild nicht mehr.