Die Dämmerung

By Johann Gottfried Herder

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Der Aether und die Liebe war

Das ältste hohe Götterpaar;

Sie zeugten die Unsterblichen,

Den Himmel und die Seligen.

Und tiefer in der Wolken Reich

Ward ihr Geschlecht der Wolke gleich;

Sie, ewig schön und ewig jung,

Erzeugten uns die Dämmerung.

Aus Licht und Schatten webten sie

Der Menschen täuschend Dasein hie;

Nur Dämmerung ist unser Blick,

Nur Dämmerung ist unser Glück.

Der Jugend holdes Morgenroth

Verbirget, was der Tag uns droht;

Der Blume schwülen Mittag kühlt

Ein Zephyr, der am Abend spielt.

Und Ohr und Auge täuscht sich gern;

Das Herz, es pochet in die Fern',

Und wünscht und hat, und glaubet's kaum;

Denn auch sein schönstes Glück ist Traum.

Die Hoffnung, ewig schön und jung,

Ist uns ein Kind der Dämmerung;

Auch ihre Schwester, Sehnsucht, liebt

Den Schleier, der die Lieb' umgiebt.

Ich dank' Euch, die Ihr um mich schwebt,

Daß Ihr die Hülle mir gewebt;

Doch Lieb' und Aether, leiht, o leiht

Mir einst ein heller Pilgerkleid!