Die Den 1 Sept. 1708 verblichene, und von den Musen hertzl. beweinete Gräfin von...

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Es war ein tag der angst und banger finsterniß:

Der sturm, der mit gewalt aus seinen angeln riß,

Bedeckte feld und lufft mit schrecken-vollen blitzen:

Die matte taube flog in enge felsen-ritzen:

Das abgejagte reh nach seinem lager zu:

Der hirte stund erblaßt: Der jäger suchte ruh:

Der gantze Pindus war mit schwartzer nacht umzogen,

Und Phöbus stützte sich betrübt auf seinen bogen,

Betrübt auf seinen arm und auf sein flöten-spiel;

Als ihm Melpomene halb todt zu füßen fiel.

O Vater! brach sie los; was bist du doch gewesen,

Als ehmals alle welt von deiner hand genesen?

Was aber bist du nun? Ein artzt, der nur betrübt.

Es stirbet, der dich ehrt; Es stirbet, der dich liebt.

So war es nicht vor dem. Egyptens wunder-säulen,

Sind zeugen, daß durch dich man alles konte heilen.

Jtzt stirbet alles weg: Und dennoch soll der stein,

Der stein, den du beseelst, noch hier auf erden seyn.

Man sucht ihn tag und nacht auf angefeurten kohlen;

Ach! aber nur umsonst: Das wunder bleibt verholen;

Und Phöbus ist nunmehr ein bloser leyer-mann,

Ein mann, der verse macht, und nichts als spielen kan.

So sprach Melpomene voll zittern und mit zagen.

Doch, fuhr sie weiter fort, was hilfft mein armes klagen?

Du fühlst, du rührst dich nicht. Hör aber unsre noth!

Die kluge Neithardtin! dein liebstes Kind ist todt:

Wie, wenn ein donner-keil die ceder-äste schläget,

Alsdenn das wellen-heer für bloser angst sich reget,

Und an einander fährt: die frucht steht in gefahr:

Der hagel lagert sich, wo vor der waitzen war;

So stund es diesen tag auch um die Pierinnen,

Der jammer unterbrach das uhrwerck ihrer sinnen:

Und iede rieff erstarrt: Nehmt, Parcen! nehmt mich hin!

Ich bin doch besser nicht, als unsre Neithardtin,

Als unsre Gräfin war, die, was uns nur gelungen,

Was Sappho nur gespielt, viel schöner abgesungen.

Apollo warff beschämt die augen in den thal;

Doch endlich hub er an: Mehrt doch nicht meine qvaal!

Was ihr mir heute sagt, hab ich schon längst erkennet.

Ich bin nicht, was man mich in blinden fabeln nennet;

Ich mag es auch nicht seyn. Denn kunst und medicin

Bringt manchen zwar ins grab; allein dem tod entfliehn

Und immer lebend seyn, kan, wie wir täglich sehen,

Jhr Musen! anders nicht, als durch euch selbst geschehen.

Stimmt harff’ und lauten an, und sinnet auf ein lied,

Das meiner freundin gleicht, mich aus dem schimpffe zieht.

Den augenblick verschwand der donner hartes knallen:

Die wolcken theilten sich in tausend kleine ballen;

Der helle tag erschien: Und Phöbus selber sang

So starck, daß berg und thal verdoppelt wiederklang.

Wer heute (sang er) nicht gedenckt mit uns zu weinen,

Der bau ihm eine grufft bey drachen und in steinen.

Wer heute (sang er) nichts zu Neithardts troste spricht,

Der rühme seiner sich und auch der Musen nicht.

Was Phöbus sang und sprach, hat Fama nicht verschwiegen.

Man hört ihr lautes horn durch alle gassen fliegen.

Schreibt, dichter! (rufft sie) nicht, wie sonsten, um gewinn!

Schreibt, dichter! mit verstand, denn euer glantz ist hin.

Indem sie dieses sagt, so steigt ein brennend feuer

In meinen adern auf. Ich greiffe nach der leyer;

Ich will, ich spiele schon. Ach aber! wie? und was?

Legt man zu rosen auch laub und gemeines gras?

Läßt man bey flöten auch ein haber-rohr erklingen?

Budorgis reget sich, und seine schwäne schwingen

Sich über mich empor: Der krancke Rosenroth

Beweget, ob ihn gleich der Gräfin schneller tod

So sehr, als mich erschreckt, doch die zerbrochnen glieder,

Und setzt sich gantz erblaßt bey ihrem grabe nieder.

Hier singt er, was vor dem kaum Orpheus gethan:

Der stieg zur höllen ab; er steiget himmel-an,

Und spricht: Getrost, mein Graf! ich seh’ die lebens-crone,

Mit der die Todte prangt: Ich seh’ sie auf dem throne

Der ehren ewig stehn. Was er im geiste sagt,

Das sag’ ich frölich nach: Ich habe mich gewagt,

Dis wunder-bild zu sehn: Ich hab’ es auch gehöret.

Was hat ihr frommer mund mich damals nicht gelehret!

Wie hat ihr süßes spiel mich damals nicht ergetzt!

Klagt andre, die man kaum der klage würdig schätzt!

Klagt andre, deren ruff muß wie der leib verschwinden!

Die stets unsterblich seyn, bis sie den tod empfinden,

Und ieden todes-schritt mit schwerem willen thun.

Wer in der erde kan, wie unsre Gräfin, ruhn,

Und doch auf erden läst sein stetes lob erschallen,

Dem sind mehr jahre zu, als jahre weggefallen.

Ach! könnt ihr alle doch, die ihr der stoltzen welt

Fußfällig weyrauch streut, und mehr nach guth und geld,

Als wahrer weisheit strebt, hier ein exempel fassen,

Wie man bey voller lust soll alle lust verlassen!

Was unsre Gräfin war, ist euch genug bekant.

Sie war groß an geburt, noch größer an verstand,

Und dreymal größer noch in ihrem eh-gemahle.

Jhr kostbares gemach gliech einem götter-saale,

Wo aber niemand doch, als Pallas, tafel hielt,

Die Musen sich ergetzt, und Phöbus aufgespielt.

Jhr bette war ein feld der allerschönsten früchte;

Jhr cabinet ein brunn der herrlichsten gedichte;

Jhr hauß ein freuden-hauß: Allein was andern kaum

Zu lassen möglich scheint, schien ihr ein bloser traum.

Sie mühte sich nur klein, nicht aber groß zu werden;

Sie floh durch den verstand den labyrinth der erden;

Sie liebt’ ihr eh-gemahl, doch mehr den großen GOtt:

Mit Musen trieb sie schertz, doch auch zuweilen spott,

Wenn sie mit ihrer kunst nur an der wohllust hiengen,

Den rechten weg vorbey, mit winde schwanger giengen.

Jhr eignes säyten-spiel, das dich, Anacreon!

In vielem übertraff, verwandelte den thon

In einen lob-gesang, in buß- und trauer-lieder:

Und also gab sie GOtt, was GOtt ihr schenckte, wieder;

So gar, daß sie das brodt so feind’ als freunden brach,

Und nichts für sich behielt, als kranckheit, angst und schmach;

Als einen bittern schmertz, der sie gantz ausgesogen;

Doch nur den leib zermalmt, den geist zu GOtt gezogen.

Lernt, blinde sterblichen! wie man hier klug und wohl

Kan leben: lernet auch, wie man recht sterben soll.

Du aber, Theurer Graf! der heute mehr verlohren,

Als in viel zeiten uns nicht wieder wird geboren,

Beweine deinen Schatz! Sie ist der thränen werth:

Wein’ aber auch also, daß sie dich nicht verzehrt.

Was dich vergnügt, ist hin! Laß dich nun das vergnügen,

Was weder tod noch grab, noch hölle kan besiegen!

Schau! wie ihr Heyland sie zu seiner heerde führt!

Schau! wie der nachruff sie mit tausend lorbeern ziert!

Was ieder von ihr schreibt, und was man noch wird schreiben,

Dis laß, statt ihrer nun dein liebstes bildniß bleiben!

Betracht’ es, wenn die nacht aus deiner kammer geht!

Betracht’ es, wenn die nacht vor deinem bette steht!

Und darff ich, wie ihr geist, mich flehend zu dir wenden:

So gönn’ uns noch einmal ein lied von deinen händen,

Und schreib auf römisch her, was wir nur halb gethan:

Schreib deine Gräfin selbst im buch der sternen an.