Die drei Schwestern

By Felix Dahn

Written 1873-01-01 - 1873-01-01

Im Schloß zu Montfort bangen Schwestern drei,

Ob König Richard noch am Leben sei.

Oft sprach er zu: – gleich schön die Fräulein waren

In schwarzen, braunen und in goldnen Haaren.

Man wußte nicht, für welche schlug sein Herz:

„Er weiß es selbst nicht!“ neckte Blondels Scherz.

Doch jede liebet ihn, den Wundervollen;

Er nahm das Kreuz: – seitdem ist er verschollen.

Die Schwestern harr'n. – Da tritt nach Tag und Jahr

In ihre Kemenat ein Pilgerpaar:

Der lange Bart, der Muschelhut beweisen,

Der Jordanstab der Pilger fromme Reisen.

„Euch edeln Fräulein künden wir nun Leid:

Gebunden liegt der Stolz der Christenheit:

In Trifels Burg, in schweren Eisenspangen,

Fürs Leben liegt der Löwenherz gefangen!“

Da strich die erste, Gräfin Eleanor,

Die stolzen schwarzen Brau'n gemach empor:

„Ich schwankte lang, wen der Rivalen wählen: –

Nun werd' ich Frankreichs König mich vermählen.“

In Tränen sprach die zweite, Gräfin Maud:

„Und ist der edle Mann lebendig tot,

Will ich mein langes braunes Haar verschneiden

Und bis ich sterbe mich als Nonne kleiden.“

Die jüngste Schwester aber sprach kein Wort: –

Stumm stand sie auf: zur Tür schritt sie so fort:

Da sank sie fast: der Herzschlag blieb ihr stocken:

Gen Himmel schüttelt sie die gelben Locken.

Der größre Pilger sprach: „Wo wollt Ihr hin?“

„Zu ihm! Zu ihm!“ – „Wie, was kömmt Euch zu Sinn?“

„Ich lieb' ihn und ich will so lange flehen,

Bis Eines von zwei Dingen ist geschehen:

Die Freiheit ihm: – wenn nicht –: mir selbst der Tod!“

Da küßt der Pilger ihr die Lippen rot:

„Gut war dein Rat, Freund Blondel, kluger Sänger!

Du herrlich Kind, nein, zweifle mir nicht länger.

Gefangen war ich: – doch nun bin ich frei,

Auf daß ich ewig dir zu eigen sei.

Dein Herz ist, wie dein Haar, von lautrem Golde:

Ich liebe dich, du süß' Geschöpf, Isolde!“