Die Eier

By Wilhelm Busch

Written 1870-01-01 - 1870-01-01

Das weiß ein jeder, wer's auch sei,

Gesund und stärkend ist das Ei. –

Nicht nur in allerlei Gebäck,

Wo es bescheiden im Versteck;

Nicht nur in Soßen ist's beliebt,

Weil es denselben Rundung gibt –

Nicht eben dieserhalben nur –

Nein, auch in leiblicher Statur,

Gerechtermaßen abgesotten,

Zu Pellkartoffeln, Butterbrotten,

Erregt dasselbe fast bei allen

Ein ungeteiltes Wohlgefallen;

Und jeder rückt den Stuhl herbei

Und spricht: „Ich bitte um ein Ei!“ –

Daß dieses wahr, das fühlte klar

Sogar die treue Bauernschar. –

Der Plan mit Pillens Busenfreund,

So wohlbedacht, so gut gemeint –

Man kann wohl sagen – ist mißraten,

Doch Treue sinnt auf neue Taten. –

Denn daß zu diesem hohen Tage

Etwas geschieht, ist keine Frage. –

Der sanfte Johann Hinrich Dreier

Der sprach: „Wo dünket jük de Eier?“

„Kein besser Ding vor diesen Zweck!“

Rief Schneider Böck. – „Und dat seg eck!!“

„Ick ok!“ – schreit Korte – „Dunnerslag!

Keen Minsche, de nich Eier mag!“

Und alle riefen laut und froh:

„Ja ja, man to! Ja ja, man to!“

Bald ist im Dorfe weit und breit

Mann, Weib und Kind in Tätigkeit,

Um zu den obgedachten Zwecken

In Scheunen, Ställen und Verstecken,

In unwirtsamen dunklen Ecken

Des Huhnes Eier zu entdecken. –

Die Hühner machen groß Geschrei;

Denn auch das Huhn verehrt das Ei,

Was es im stillen treu gelegt

Und gerne weiter hegt und pflegt,

Bis nach den vorgeschriebnen Wochen

Ein Pieperich hervorgekrochen. –

Jedoch nicht jedes ist so gut. –

Es gibt auch welche, die die Brut

Treulos verlassen – und so eins

Ist leider Krischan Stinkel seins. –

„Du wutt nich sitten, Lork?“ denkt Stinkel

Und zwinkert mit dem Augenwinkel –

„Na, denn lop hen! Na, denn man to!

Ok recht! Ick weit wol, wat ick do!!“

Nachdem er so in seiner Mütze

Die Eier, daß er sie benütze,

Mit etwas Häckerling vermengt,

Behutsam leise eingezwängt,

Trägt er dieselben zu dem Orte,

Wo dieses Mal der lange Korte,

Der ehedem und hierzuvor

Gestanden bei dem Gardekorps,

Die Gaben gern entgegennimmt. –

Ja, dieser Korte ist bestimmt,

Als Ehrengreis und Biedermann,

Der so etwas am besten kann,

Begleitet von zwei Ehrendamen,

Natürlich in Gemeinde Namen,

Das Festgeschenk noch diesen Morgen

An hoher Stelle zu besorgen. –

Hier steht die Kutsche vom Pastor

Und Kortens Ochse steht davor.

Daneben stehet Kortens Sohn. –

Zwei Stunden ist's zur Bahnstation.

Mit Vorsicht wird zuerst placiert

Der Eierkorb, wie sich's gebührt.

Sogleich nach diesem, wie sich's schickt,

Die Ehrenjungfern, reich geschmückt.

Mit Ruh und Würde und zuletzt

Hat Korte sich hineingesetzt.

„Nu, Kunrad, jüh! Wi wünschet Glücke!!“ –

– Nicht weit davon ist eine Brücke. –

Es rutscht das Rad. – Herrje! Schrumbum! –

Da fällt die alte Kutsche um. –

Bestürzt ist jedes Angesicht.

Wie's drinnen ist, das weiß man nicht.

Nun hebt nach oben, ohne Worte,

Sich Korte aus der Kutschenpforte.

Nun kommt ein Ehrenjungfernbild,

In Eigelb merklich eingehüllt.

O weh! Es fehlt noch immer eine! –

Gottlob! Hier sieht man ihre Beine! –

Die Jungfern und der Ehrengreis

Sind alle drei ganz gelb und weiß.

Man ist bemüht, sie abzuwischen. –

„Puh!“ – hieß es – „Hier sind fule twischen!!“

Hier schlich beiseite Krischan Stinkel

Und zwinkert mit dem Augenwinkel

Und spricht zu seiner Frau Christine:

„De fulen, Stine, dat sind mine!!“ –

Als man darauf verwundersam

In einem Kreis zusammenkam,

Da hieß es: „Kommt na Mutter Köhmen!

Up düt, da möt wi Einen nöhmen!!“

Gesagt, getan. – Für Mutter Köhm

Ist dies natürlich angenehm. –