Die Erde

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Wohl hast du einst mit hoher Wonne

Mein junges Herz getränkt, Natur,

Wenn mich der Glanz der Frühlingssonne

Zur Ferne zog durch Wald und Flur;

Vertieft in mich, mit halbem Lauschen

An deinen Wundern streift' ich hin

Und wob in all dein Blühn und Rauschen

Der eignen Brust geheimsten Sinn.

Doch heilig-ernster ist die Feier,

Damit du jetzt mein Herz umwebst,

Wenn du den falt'gen Isisschleier

Vom hohen Antlitz lüftend hebst;

Wenn du vom Reiz der bunten Schale

Mein Auge still zur Tiefe lenkst

Und aus des heut'gen Tages Strahle

Ins Dämmerlicht der Urzeit senkst.

Da offenbart im Schwung der Auen,

In schwarzer Grotten Säulenschoß

Sich mir der Welle leises Bauen,

Des Feuers jacher Zornesstoß;

Da singt der Gurt geborstner Schichten

Ein heilig Lied mir vom Entstehn

Und läßt in wandelnden Gesichten

Die Schöpfung mir vorübergehn.

Und wieder schau ich's, wie mit Toben,

Vom unterird'schen Dunst gedrängt,

Der flüss'ge Kern des Erdballs droben

Die meergebornen Krusten sprengt;

Wie er, ein Strom von zähen Gluten,

Bis in die Wolken rauchend stürmt

Und über Täler dann und Fluten

Zergipfelt zum Gebirg' sich türmt.

O Riesenkampf der Urgewalten,

Drin eine Welt sich gärend rührt,

Der von Gestalten zu Gestalten

Mich auf ein letzt Geheimnis führt!

Denn wie ich rastlos rückwärts dringe

Von Form zu Form, erlischt die Spur;

Ich steh' am Abgrund, draus die Dinge

Der erste Lebenspuls durchfuhr.

Da fällt ins zagende Gemüte

Ein Glanz aus tiefsten Tiefen mir:

„Im Anfang war die ew'ge Güte,

Und tausend Engel dienen ihr!“

Und wie sie licht in Flammen wallen,

In Fluten brausen allerorts,

Empfind' ich schauernd über allen

Den Hauch des unerschaffnen Worts.