Die Ernte

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Weiße flimmernde Sonnenflut

rings auf den wogenden Weiten ruht;

rüstige Mäher bei scharfem Schnitt – –

schwirrende Sensen singen mit:

Die Halme fallen.

Und hart am staubigen Straßenrain

schafft tief gebückt ein Mütterlein;

schon manche brennende Stunde lang

sirrt und surrt der Sichelklang – –

Die Halme fallen.

Da schaut aus schimmerndem Aehrenfeld

der Gutsherr auf zum Wolkenzelt:

– „Vorwärts, ihr Leute, die Stunde rinnt!

In den Klüften murrt der Gewitterwind –“

Die Halme fallen.

Und in den perlenden Abendtau

blickt so fröhlich die alte Frau;

sie wischt von der Stirne den hellen Schweiß

und zählt im Geiste der Garben Preis.

Die Halme fallen.

– „Vorwärts, ihr Knechte! die Stunde rinnt!

Mein Mahl bereitet das Ingesind;

mein Weib umrauscht ein seidener Flor – –

und der Jude wartet am Gartentor.“

Die Halme fallen!

Und müde legt nach des Tages Brand

das Weib die Sichel aus der Hand:

„Du goldner Segen auf schmalem Feld,

du gibst mir Brot und du schaffst mir Geld!“ –

Die Halme fallen.

– „Vorwärts, ihr Hunde, verdient den Lohn!“

Er denkt an seinen fernen Sohn.

Der schnellste Reiter auf blachem Feld

und der Gott der Weiber – das kostet Geld! –

Die Halme fallen.

„Und all das Gold“ – die Alte sinnt –

„in die Ferne schickt ich's dem einzigen Kind.

Sie trieben ihn fort von Haus und Huf,

nun harrt er drüben der Heimat Ruf:

Die Halme fallen.

Und kehrt er heim, wenn der Himmel loht,

wenn der Weizen reif und das Mohnfeld rot,

dann faßt er die Sense zu heißem Schnitt –

und ich laufe und sammle und jauchze mit:

„Die Halme fallen!“