Die erste Staffel zur Gottheit.

By Barthold Heinrich Brockes

Ich, der mein Wesen selbst nicht kenne, befinde mich in

einer Welt,

In welcher ungezählte Schönheit, Pracht, Ordnung, Nutz

und Lust vorhanden,

Und welche nie zu zählnde Wunder in ihrem weiten Kreis

enthält.

Ich find in meinem Geist die Wahrheit: Daß sie nicht von

ihr selbst entstanden.

Ich bin, durch sie, denn überführet, und werd’ es Anfangs

ganz allein,

Durch diesen ewig wahren Schluß: Es muß ein GOtt,

ein Schöpfer seyn.

Wann nun von diesem Welt-Gebäude die Wunder-reiche

Herrlichkeiten

Die allerersten Stuffen sind, die uns zur wahren Gottheit

leiten;

Wie kann man doch, sie aufzusteigen, sich wegern, sie nicht

einst betrachten?

Mit welchem Fug kann man, in ihnen, Den, welcher sie

gemacht, verachten?

Gott zeigt uns selber diesen Weg, um, auf demselben,

Jhn zu finden,

Und lehret den sonst leeren Geist, durch Sinnen, mit Sich

Selbst verbinden,

Sein Wesen, Seine Güte schmecken, und, uns zum Nutz,

und Jhm zum Preise,

Auf diese, als die würdigste, und, Jhn zu ehren, beste Weise,

Geschöpf und Schöpfer wohl vereinen, da wir aus Leib

und Geist bestehn,

Und um und an uns Creaturen, die ihren Schöpfer zei-

gen, sehn.

Wir aber wählen andre Wege, betreten eine fremde

Bahn,

Wir sehen unsere Gedanken von GOtt, die wir uns selber

weben,

Ohn’ auf Sein Seyn in Seinen Werken, wo Er Sich

zeiget, Acht zu geben,

(o selbst erzieltes Götzen-Bild!) für eine wahre Gottheit

an.

Wir eignen ihr verschiedne Kräfte, die doch nur in uns

selber haften,

Und, nur in etwas höherm Grad, der Menschheit eigne

Leidenschaften,

Die aus uns selber quillen, zu. Wir schneiden, bloß

nach unserm Leiste,

Uns einen GOtt in unserm Hirn, nach unserm eignen

Leib und Geiste.

Wir legen nicht nur unsre Cörper, in eines Greisen Bild,

Jhm bey;

Wir meynen, wenn Er denkt, wie wir, daß Er sodann

vernünftig sey.

Wir unternehmen uns zu sagen, durch richtig- und gefügte

Schlüsse,

Daß es, nach ihrem Sinn, die Gottheit so und nicht anders

machen müsse.

Wirfst du mir hier vielleicht nun ein: “Mein Freund!

du übereilest dich,

„du thust bey deiner eignen Seele nicht wohl, sie so

vermessentlich

„so klein zu machen, zu verachten. Bist du von ihr nicht

überführt,

„sie stamme selbst vom Schöpfer her, Der auch sogar den

Leib formiert

„in Adams Leib, nach Seinem Bilde, und Der den Odem,

voller Leben,

„in Adams Nase Selber blies; so ist die Antwort leicht

gegeben:

Ist dieses nach dem Wort-Verstande, und nicht figür-

lich zu verstehn;

So weiß ich nicht, wie solche Seele sich jemahls kann ver-

dammet sehn,

Die mit der Gottheit selbst verwandt, wie du ja schreibest,

glaubest, lehrest,

Und an so vielen tausend Stellen die Schrift, nach diesem

Sinn, erklärest.

So wirst du ja, aus diesem Satz, die wirkliche Figürlichkeit,

Jm Ausdruck, von dem Odem sehn, und folglich aus dem-

selben schliessen:

Es sey der Geist des Menschen nicht von göttlicher Be-

schaffenheit,

Und, daß er folglich GOtt nicht fassen, noch bilden kann,

gestehen müssen.

Dieß alles aber hindert nicht, daß GOtt nicht eine rege

Kraft

Der Menschen Seelen anerschaffen, und Er ihr eine Ei-

genschaft,

(jedoch nach Seiner weisen Ordnung) Jhn immer mehr

und mehr zu kennen

Aus Seinen wunderbaren Werken, nicht hätte sollen

geben können.

Aufs wenigste wird die Vernunft unwidersprechlich dieß

dir zeigen:

Die Werke seyn die erste Staffel, auf welche wir zur

Gottheit steigen.