Die Fahrt des Lebens

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Goldbeglänzt von Abendglut

träumt das Meer in Frieden;

lieblich tanzen auf der Flut

singende Sylphiden.

Fremdmelodisch klingt ihr Wort,

lockend ihre Töne, – – –

und du stehst an Schiffesbord,

lächelst ihrer Schöne, – – –

wie sie matt vor dir entstehn,

leuchtend sich entfalten,

grüßen und – vorübergehn,

wechselnde Gestalten.

Und mit jedem Bild des Scheins

allgemach entschwinden

wird ein Teil von deines Seins

innerstem Empfinden,

wird mit jedem Wesen, das

flüchtig schwebt von hinnen,

auch in deinem Stundenglas

Korn um Korn verrinnen, – – –

wird die Nacht den Ozean

finstern Blicks umschweben,

wird des Meeres glatte Bahn

wogend sich erheben. – – –

Dunkel wird's und schauerlich,

nun die Farben blassen,

nun der Jugend Träume dich,

treulos dich verlassen.

Kalt und einsam stehst du noch,

ob die Winde stürmen,

ob die Wogen bergehoch

um dein Schiff sich türmen.

Traumhaft wird dir manchmal sein,

ob aus Meerestiefen,

matt beglänzt von Sternenschein,

Geisterstimmen riefen –

und es wird ein bleiches Weib

aus den Fluten steigen,

weiß umwallt den schlanken Leib

mild sich zu dir neigen.

Gegen Morgen geht ihr Pfad . . .

– wie die Winde wehen:

Sehnsucht wird am Steuerrad

deines Lebens stehen,

wird mit leiser Geisterhand

deinen Kahn regieren,

sicher ihn zum Heimatland

deiner Träume führen.