Die Fläche des Meeres im Sturm.

By Barthold Heinrich Brockes

Die weite Wasser-Welt fängt an, wenns stürmt, sich in

die Höh' zu bäumen,

Und anfangs schwach, bald fürchterlich und wild, zu wallen

und zu schäumen;

Ein ungestühmes, heisres, rauh-verwirrt- und schreckendes

Getön

Fängt unten, bey, auch über uns, und überall an, zu

entstehn.

Ein fürchterlich- und wildes Sausen, ein Rauschen, Krachen,

Heulen, Brüllen,

Fängt an, das dunkel-braune Reich der Lüfte, nah und fern,

zu füllen,

Worein fast schwarzes greßlich Grau, zugleich mit unter-

mischt, zu sehn;

Durch Strick’ und Masten bricht sodann, bey einem scharfen

Schnauben, Brausen,

Bey einem fürchterlichen Krachen, und fast unleidlich starkem

Sausen,

Ein helles, so durchdringendes, als stark- und widriges

Gepfeif.

Es steht der Flaggen dünner Taft, recht wie ein Blech, so fest

und steif,

Wenn der so strenge Zug der Luft so Flagg’ als Wimpel

aufwerts führet,

Und sie von allen Seiten preßt; so läßt es wirklich anders

nicht,

Als wenn, da alles in Bewegung, von allen sich kein’ einz’ge

rühret.

Die Wolken, welche bald im Dunkeln, und bald in einem

schnellen Licht,

Den ganzen Kreis der Luft durchstreichen, das graue Firma-

ment umziehn,

Und bald die Sonne blicken lassen, bald schnell sie wieder

rauben, fliehn,

Gedränget von der Stürme Grimm, getrieben von der Wut

der Winde,

Und fliegen, schnellen Vögeln gleich, mit strengem Zug, recht

Pfeil-geschwinde.

Es scheint das Firmament nicht fest, ja selbst mit ihnen

fortzugehn,

Kaum kann auch ein gesetztes Aug’ es, sonder Angst und

Schwindel, sehn.

Die aufgethürmte Wasser-Wogen, die regen Berge wilder

Wellen,

Entstehn und ändern unaufhörlich, im schnellen Steigen,

ihre Stellen.

Sie eilen, aus den Tiefen aufwerts, mit schnellem Zug und

Wallen fort,

Da sie die rückwerts wallende, mit strengem Drängen, über-

steigen,

Bis daß, in ihrem

höchsten Ort

Zerbersten, schäumen, und im Fallen viel tausend krause

Wirbel zeigen,

Von gelblich theils, theils braun-theils grau-theils weißlich

schwarzen Linien,

Die sich einander Wechsels-weis’ erheben, stürzen und ver-

dringen,

Erzeugen, sich vernichtigen, sich selbst erheben und verschlin-

gen.

Es sieht des Meeres weite Fläch’, es sieht das ganze

Wasser-Reich

Dem dunkel-grauen Wasser-Bley, ja gleichsam schwarzer

Seifen, gleich,

Wobey der Wasser-Berge Gipfel und ihre weiß beschäumten

Höh'n,

Als wären sie beschneyt, zwar weiß, doch noch fast greßlicher

zu sehn;

Indem sie, durch ihr schreckend Licht, womit sie in die Höhe

steigen,

Der hohlen Tiefe dunkle Schwärze, um so viel deutlicher,

noch zeigen.

Wenn nun auf dieser schwarzen Fluht, von ohngefehr, der

Sonnen Licht,

Durch einer, oft im Augenblick, zerrißnen Wolken Oeffnung

bricht;

Sieht man, auf der Pech-schwarzen Fluht, ein weisses Feuer

plötzlich glimmen,

Und einen Silber-weissen Schein, auf ihrer ganzen Fläche,

schwimmen,

Sie glänzet wie ein lichter Blitz; es blendet uns der helle

Schein.

Allein!

Jm Augenblick verschlingt und raubt ein schnelles Braun

das Schimmer-Licht,

Es scheint, daß eine dunkle Nacht aus dem noch dunklern

Abgrund bricht.

Denn scheint die schwarze Wasser-Welt sich höher als vorhin,

zu thürmen,

Und gleichsam, mit erneuter Kraft und Wut, die Schiffe zu

bestürmen,

Giebt ihnen grimmig Schlag auf Schlag, mit solcher unge-

stühmen Macht,

Daß auch das allerdickste Holz, der allerstärkste Balken kracht.

So ras’t und tobet Luft und Fluht, mit recht entsetzlicher

Gewalt;

So zeigt sich das ergrimmte Meer, in recht erschrecklicher

Gestalt;

Doch preiset es zugleich die Macht Deß, Der die wilde Wut

zu zähmen,

Dem aufgebrachten Element Grimm, Druck und Stärke

zu benehmen,

Es unverhofft zu stillen weiß, mit einem Wink, und es so

fort,

In seine vor’ge Grenzen bringt, so bald er will, mit Einem

Wort.