Die Fliege

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Dem Menschen lebt, dünk' er sich edel auch

Und gut, im Busen ein Vernichtungstrieb,

Wie ja der Schöpfer, dessen Ebenbild

Er sich berühmt, was er erschaffen, auch

Dem Tode weiht.

Am Fenster stand ich heut

Und blickte müßig auf den See hinaus,

Der aufgestürmt, mit weißen Kämmen wild

Die Flut ans Ufer trieb. Im Zimmer doch

War's heimlich, denn im Ofen knisternd sang

Des Ölbaums grünes Holz. Und wie ich stand,

Nichts denkend, sah ich eine Fliege, kaum

Erwacht zum Leben, die am Fensterglas

Behaglich sacht hinaufkroch, wohl gleich mir

Der Wärme froh. Und wie zur Sommerszeit,

Wo nur zu sehr der kleinen Näscher Schwarm

Uns lästig wird, auch jetzt zerdrückt' ich sie

Mit plumpem Finger. Doch sogleich in mir

Sprach eine Stimme: O du Grausamer!

Konntst du das kurze bischen Leben ihr

Nicht gönnen? War die Welt nicht weit genug

Für dich und sie, und hätt' ihr Summen dir

Den Schlaf gestört?

So sprach mein bessres Ich.

Und von dem Ort der Untat, wo, gestreckt

Die zarten Füßchen, an der Scheibe hing

Die kleine Tote, trat ich rasch zurück,

Sehr unzufrieden mit mir selbst.

Ach wohl!

Gedankenlose Mordlust lebt in uns,

Und schämen sollte sich der Mensch vorm Tier,

Das nur aus Notwehr tötet, oder weil's

Der wilde Hunger zwingt. – – –