Die Flucht der Zeit

By Luise Hensel

Written 1815-01-01 - 1815-01-01

Hienieden ward dem Lenze

Ein kurzes Sein verlieh'n:

Kaum wanden wir uns Kränze,

So ist er schon dahin.

Der Sommer währt nicht lange

Mit seiner Sicheln Schall:

Kaum röthet unsre Wange

Der wärm're Sonnenstrahl.

Bald wird der Himmel trüber,

Die Frucht entfällt dem Baum –

Schon ist der Herbst vorüber,

Wir freuten sein uns kaum.

Nun steigt der Winter nieder

Und schließt des Jahres Reih'n!

Es schweigen alle Lieder.

Er gräbt die Blumen ein.

So eilen unsre Freuden,

So endet alle Lust,

So schwinden auch die Leiden,

Kaum sind wir's uns bewußt.

Nur was nach oben ziehet,

Das kann nicht untergehn;

Was heilig in uns glühet,

Das wird kein Nord verwehn.

Und dort blühn andre Lenze,

Die nimmermehr entfliehn;

Dort werden ew'ge Kränze

Um unsre Scheitel blühn.

O, laßt dahin uns streben

Schon hier im Schattenland.

All unser Thun und Leben

Sei nur auf Gott gewandt.