Die Fremdlinge alhier Betrachtet bey Absterben Fr. M. S. v. L. g. K. v. F. den 2...

By Heinrich Mühlpfort

Ach Leben voller Müh' voll Schrecken voller Thränen!

Gebrechlicher als Glaß und flüchtiger als Wind!

Mit Jrrthum überhäufft durchbeitzt mit herbem Sehnen

In dessen Unbestand sich kein Bestand nicht findt.

Wie reitzest du uns nicht? Wie kanst du uns nicht blenden?

Da doch dein lauter Nichts dein erster Anfang heist.

Du schwindest wenn du wächst wie Schatten untern Händen

Bist wenn du gleich erhöht ein scharffer Rauch der beist.

Den Narren scheinst du süß’ und weisen Leuten bitter

Der jene so dich liebt der kennt dich nicht einmal.

Wer dich verachten lernt verstehet deine Güter

Und wer dir glauben will der traut auf Frucht und Qual.

Du siehst so schöne nicht als du dich kanst vorstellen

Ja vielen zeigst du dich

Nur daß sie sündigen und fahren zu der Höllen.

Viel raubst du unverhofft eh’ sie noch schwach und kranck

Bloß daß du kanst den Raum der Busse so beschneiden

Je mehr du uns verheischt je weniger du schenckst.

Dein gröstes Wolthun ist ein lang und schmertzlich leiden

Daran zum Ausschlag du noch neue Martern hängst.

Das bist du Leben nun. So sitzen wir zu Miethe

Und wissen nicht die Zeit wenn Gott uns ziehet! sagt.

Wenn seine Stimm erschallt: Mensch geh auß dem Gebiethe

Sein Stunden-Glaß ist auß deß Lebens Frist vertagt.

Wer wolte sich alsdenn von Mesech nicht begeben?

Und länger Frembdling noch bey seinen Hürden seyn?

Wer wolte weiter dann bey Kedars Hütten leben?

Umzirckt von Krieg und Streit gedrückt von Angst und Pein.

Es scheint dem Menschen schwer bey wildem Volck zu wohnen

Das gar an Grausamkeit den Thieren gleiche geht.

Und wer will Nachbar seyn bey Scyth und Nasamonen

Da keiner weder Gott noch die Natur versteht.

Allein viel schmertzlicher wird es der Seele fallen

Wenn sie so lang allhier im Leibe bleiben muß

Und unter Fleisch und Blut bey Mörd- und Räubern wallen

Da ihr macht täglich Weh der Sünden Uberfluß.

Der ist ein feiger Mensch der wenn er satt gelebet

Zuletzt noch klagen will die abgekürtzte Zeit:

Der Viehisch welcher frech dem Himmel widerstrebet

Und sich nur weltzen will im Schlam der Eitelkeit.

Wer hier stets Wirth seyn will kan dort nicht Bürger werden

Wir müssen auß der See deß Lebens an den Port.

Das Elend das wir bau’n auf diesem Rund der Erden

Ermahnt und rufft uns zu: Fleuch Frembdling eile fort!

Frau Sachsin die nunmehr den Rest von ihrer Hütten

Dem schwartzen Grabe schenckt hat sich auch aufgemacht

Und ist als Frembdling in das Vaterland geschritten

Befreyt der Pilgramschafft die sie mit Ruhm vollbracht.

Jhr war die Bitterkeit deß Lebens nicht verborgen

Und wie das Wechsel-Rad der Zeiten sich verkehrt

Sie kannte noch die Noth und Thränen-volle Sorgen

Als unser Schlesien die Krieges-Glut verheert.

Sie zog von Kedar aus umb Ruh allhier zu finden

Wo Ruh’ auf dieser Welt ein Mensch zu hoffen hat.

Doch wer sich nur auf Gott beständig pflegt zu grunden

Dem wandelt sich die Frembd in eine Vater-Stadt.

Sie glaubte daß der Weg der Frommen rauh’ und harte

Daß Gott die Seinen nicht stets auff den Händen trägt

Damit sich nicht der Mensch in eitler Lust verwarte

So hat er uns die Bahn mit Dornen überlegt.

Wiewol ihr Christenthum auch in dem Creutz gesieget

Und die Beständigkeit die Lorber-Cron erreicht.

Die Hand die sie betrübt die hat sie auch vergnüget

Daß ihrer Wolfarths Stern viel herrlicher geleucht.

Sie sahe sich beglückt in zwey Geehrten Ehen

Und Trauben ihres Bluts und Blumen vom Geschlecht

Und Seegen umb ihr Hauß Heil umb ihr Bette stehen

Jhr Thun gefiel GOtt wol ihr Wandel war gerecht.

Die Palmen reiner Gunst die Nelcken treuer Flammen

Der Keuschheit Lilien der Demuth Majoran

Der Tugend Ehren-Preiß trat hier vereint zusammen

Und legt ihr einen Schmuck von holden Sitten an.

Es war ihr Band der Eh gleich einem Paradise

Wo die Ergetzligkeit und die Vergnügung blüht.

Es schien ihr Lebens-Weg ein angenehme Wiese

Umb welche Florens-Gunst den bunden Teppicht zieht.

Ach aber wie betreugt das schmeichelhaffte Leben?

Indem es Freude sät so ernd es Trauren ein.

Bald wird es nichts als Muth und Adlers-Kräffte geben

Drauf heist es uns betrübt geprest und elend seyn.

Der sich nicht weisen läst der Tod trennt Lieb und Ehe

Die vor glückselig schien ist Wittib und gekränckt.

Die Anmuth weicht davon und unter Ach’ und Wehe!

Wird ihr des Ereutzes Kelch von neuem eingeschenckt.

Sie nimmt auch den getrost von ihres Schöpffers Händen

Und bringt in Einsamkeit die Zeit deß Lebens zu

Traut dem der Vater ist und Retter der Elenden

Sucht bloß in seinem Wort Trost Hoffnung Fried und Ruh.

Kein Unfall zog ihr Hertz von den gestirnten Höhen

Sie blieb der Hanna gleich dem Himmel zugewand.

Was nicht zu ändern war ließ sie vernünfftig gehen

Und seufftzte Tag und Nacht nach jenem Vaterland.

Jetzt ist ihr Wunsch erfüllt. Der Tod ein treuer Weiser

Führt diese Pilgramin wo Milch und Honig fleust

Sie sieht Jerusalem und dessen Friedens-Häuser

Wird mit deß Himmels-Brod und Lebens-Brunn gespeist.

Jetzt weiß sie daß die Welt ein ungeheure Wüste

Worinn gleich einem Schaf der Mensch sich oft verirrt.

Daß ihre gantze Pracht ihr Ansehn Ehr’ und Lüste

Der armen Pilgramin der Seelen Last und Bürd’:

Und daß sie allzu lang in Mesech hat gesessen

Wie köstlich auch der Mensch ein hohes Alter schätzt.

Ja was vor Freuden uns sonst Glück und Zeit zumessen

Daß es mit nichten gleicht dem was sie jetzt ergetzt.

Darumb so glauben sie

Das beste Vaterland holt die Frau Mutter ein:

Deun wenn wir umb und an des Lebens Ziel beschauen

So wird der Anfang Noth das Ende Sterben seyn.