Die Früchte eines guten Gewiszens

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Wie seelig lebt ein frey Gemüthe,

Das weder List noch Rachgier hegt

Und das des weisen Schöpfers Güte

Auch in der grösten Noth erwegt,

Ja, das in allem, was es übt,

Gerechtigkeit und Warheit liebt.

Sein kluger Sinn verträgt die Thoren

Und sieht sie blos mit Mitleid an;

Er schäzt die Stunde vor verloren,

Worin er keinem Guts gethan;

Er beßert eigner Schwachheit Schuld

Und hat mit fremder gern Gedult.

Die Fehler sind sein Tugendzunder

Und lehren ihn bescheiden seyn;

Er sieht mit Lust des Höchsten Wunder

Und nimmt verborgne Weißheit ein;

So heftig auch der Creuzdorn sticht,

Flucht er doch dem Verhängnüß nicht.

Kein Undanck macht sein Wohlthun müde,

Kein Strafwort seinen Zorn erhizt;

Er sucht mit eignem Schaden Friede,

So oft nur dieser andern nüzt.

Er scheut und reizet keinen Feind

Und redet allzeit, wie er's meint.

Er strebt nicht mit Gewalt nach Dingen,

Die über sein Vermögen gehn;

Er sucht sich nirgends hoch zu schwingen

Als da, wo fromme Seelen stehn,

Die Seelen, derer Beyspiel zeigt,

Wie hoch Verstand in Demuth steigt.

Ein solches Herz mag ohne Wafen

Durch See und Wüste sicher ziehn,

Es darf, wenn böse Mäuler klafen,

Nicht schamroth in den Winckel fliehn;

Sein Wandel widerlegt den Neid

Und ist sein schönstes Ehrenkleid.

Wovor sich andre fürchten müßen,

Gespenster, Träume, Höll und Tod,

Das tritt sein weiser Geist mit Füßen,

Und wenn ihm noch die Sünde droht,

So eilt es Salems Hügeln zu

Und holt sich dort Gewißensruh.

Und hört es endlich auch die Stunde,

Die mit dem Leben Abend macht,

So giebt es mit getrostem Munde

Den Eitelkeiten gute Nacht;

So bleibt es seelig dort und hier.

Gott, so ein Herz bescheere mir.